Zeit lassen

Er schlief während der ganzen zwei Stunden, die wir bei ihm waren. Wir hielten seine Hand, berührten ihn, sprachen mit ihm. Er drehte gelegentlich den Kopf, öffnete aber kein einziges Mal die Augen. Das kommt von den Beruhigungsmitteln, die sie ihm geben. Er hatte sich so hin- und hergeworfen, dass er an Kabeln und Drähten riss. Sie wieder anzubringen, wäre nicht einfach gewesen, denn er wehrt sich. Über die Mittel, die er bekommt, wäre jeder Junkie auf dem Bahnhof für einige Zeit glücklich.

Also lag er da und schlief. Wie er als Kind geschlafen hatte, nur größer geworden. Sein Gesicht ist nicht mehr geschwollen, bis auf die Schürfungen und den langen Schnitt an der Wange sieht er aus wie immer. Es ist nur die rechte Gesichtshälfte betroffen, in einem Reflex muss er sich zur Seite gedreht haben. Es ist die Gesichtshälfte mit dem dem gesunden Auge. (Auf dem anderen sieht er durch einen Geburtsfehler fast nichts). Wäre es verletzt worden – er hätte blind sein können. Ich will das nicht weiterdenken.

Die Hirnblutungen haben sich nicht verschlimmert, wir müssten uns im Moment keine Sorgen machen, sagte ein Arzt. Er wird noch ein paar Tage oder auch länger in diesem Zustand bleiben. Er braucht Zeit.

Ich stand an seinem Bett, müde. Mein Herz tut weh. Es ist, als ob ein Stahlgürtel um meine Brust immer enger gezogen würde. In der Nacht war ich mehrmals aufgewacht und wie ein Pop-up-Fenster sprang sofort dieses Bild auf, wie er da liegt mit den Drähten und wie ich ihm nicht helfen kann. Groteske Gedanken quälen mich wie “zum Glück passierte es in Biberach und nicht schon 500 km vorher.” Dieser Satz beginnt mit  “zum Glück passierte es…” und ich schäme mich und krieg es nicht weg! Ich hab schreckliche Kopfschmerzen.

Bei der Arbeit war es schlimm, bis die andern endlich wussten, was passiert war. Die Firmenchefin war sehr verständnisvoll, sie hat selbst einen Sohn, einer Mutter braucht man nichts zu erklären. Sie bot mir an nach Hause zu gehen oder was immer mir helfe. Ich wollte bleiben, mich ablenken, aber ich weinte und weinte. Kollegen nahmen mich in den Arm, hörten mir zu, trösteten mich, jemand brachte von der Apotheke Beruhigungstabletten. Allmählich wurde es besser. Bis auf weiteres werde ich um halb vier Schluss machen, und dann nach Ulm fahren mit seinem Vater. Auf der Intensivstation sind Besuche erst ab vier Uhr erlaubt.

Von der Polizei haben wir Einzelheiten erfahren. Die beiden waren auf einer einspurigen Straße unterwegs und fuhren etwa 80 km/h. Auch die Gegenspur war einspurig, jedoch mündet an der Unfallstelle eine weitere Straße ein, so dass die Gegenfahrbahn ab hier zweispurig wurde. Der unfallverursachende Audi hatte vielleicht gesehen, dass ein anderes Fahrzeug von rechts kam, aber dieses hatte wie gesagt eine eigene Spur. Warum blieb er nicht, wo er war? Er hätte an diesem Tag nicht ins Auto steigen sollen, er hätte morgens aus dem Bett fallen und sich das Genick brechen sollen. Dann wäre eine Frau noch am Leben und vier Menschen gesund. Aber er fiel nicht aus dem Bett. Er brach sich nicht das Genick, sondern stieg in seinen verfluchten Audi und fuhr damit auf die Gegenspur in unseren Jungs.

Die Menschen in dem Audi waren auf dem Weg zur Hochzeitsfeier eines Sohnes.

2 Gedanken zu „Zeit lassen

  1. Anhora Autor

    Liebe Karin,
    wir haben viel Kraft entwickelt und sind zuversichtlich, dass er wieder gesund werden wird. Wir spüren, dass ihr an uns denkt. Danke.

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  2. Karin

    Hallo,
    vielen herzlichen Dank, dass du uns informierst… in Gedanken sind wir alle auch ständig bei ihm… und natürlich auch bei dir und C. Ganz, ganz viel Kraft und Zuversicht u. ganz ganz viele Schutzengel für die bevorstehende Zeit… Kopf hoch!!!
    Karin

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