„Ich weiß, dass ihr da seid.“

Als ich heute Morgen in der Klinik anrief (jeden Tag rufe ich morgens, mittags und vor dem Zubettgehen an), sagte die Krankenschwester das, worauf wir so gewartet hatten: Er ist zu sich gekommen. Dem Himmel sei Dank, in der Früh habe er ein paar Sätze gesprochen, Schmerzen habe er, immer wieder Schmerzen und ob er Musik hören könne. Schon in der Nacht hatte es erste Aufwachphasen gegeben. Wir fuhren am Nachmittag früher los, um bei ihm zu sein. Als wir kamen, schlief er.

Sie hatten ihm wieder starke Schmerzmittel gegeben, weil er unruhig war, Dipidolor oder so ähnlich. Ein Opiat. Ironie des Schicksals, dass ihn seit einiger Zeit Drogen und bewusstseinsverändernde Medikamente faszinieren, er weiß alles darüber. Nun fließt es in seinen Adern und lässt ihn zur Ruhe kommen. Sein Puls war niedrig und er selbst völlig ruhig. Lange Zeit blieb er so. Ich betrachtete ihn, sein Gesicht voller Unschuld, wie ein Kind lag er da. Wir redeten mit ihm, streichelten ihn, hielten seine Hand wie jeden Tag.

Erst nachdem man ihn umgebettet hatte – man wechselt regelmäßig seine Lage, prüft den Körper auf Druckstellen, tauscht Betttücher aus und glättet Falten – da wurde er unruhig und fing an zu brabbeln wie im Schlaf, wir hörten „Schmerzen“, „Aua“, er stöhnte und schimpfte, „Manno!“ Immer wieder stammelte er Sätze und Wortfetzen. An den Metallstangen an Bein und Becken riss er, versuchte sich die Beatmungsschläuche aus der Nase zu ziehn, wir kämpften und hielten ihn fest, damit er sich nichts antat. Er versuchte sich aufzusetzen, doch auch das darf er nicht. Seine Augen öffnete er nur einmal, ein erschrockener Blick, ich frage mich was er sah. Gleich darauf sank er zurück in seine Tiefen, er will jetzt noch nicht.

„Wir sind bei dir,“ beruhigte ich ihn, „Papa und ich sind da.“ – „Ich weiß, dass ihr da seid.“ Da! Er hatte uns gehört! Er hatte uns gehört, verstanden und geantwortet! „Ich weiß, dass ihr da seid.“ Mehr verstanden wir heute nicht von dem, was er sagte, aber auch ein Gesunder könnte nicht klar reden mit solchen Medikamenten im Blut.

Er soll keine Schmerzen haben, sein Körper muss sich erholen, denn nächste Woche wird er wahrscheinlich operiert werden. Wie gut, dass es diese Medikamente gibt. All die Geräte, die Schläuche, jedes einzelne Käbelchen liebe ich, und wenn es eine aus Embryonen genmanipulierte Arznei gibt oder eine, die man aus den Lebern exhumierter Leichen gewinnen müsste – ich würde sie den Ärzten aus den Händen reißen, wenn sie hilft. Ich hab keine Ethik. Ich habe ein Kind.

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