Auf dem Weg zurück

Als wir heute zu ihm auf die Intensivstation kamen, hielten ihn gerade zwei Pfleger fest. Halb aufgerichtet wehrte er sich gegen ihre Umklammerung – und schaute zur Tür, als wir eintraten. Ja! Er war wach! Was man unter Wachsein verstehen kann, wenn man mit Opiaten weggedröhnt ist, aber er sah uns. Er redete. Nicht alles machte Sinn, aber einiges. Mehr als gestern. „Mir geht’s scheiße“ z.B., oder „Ich hab Schmerzen, überall“, „Lass los“, aber auch „Gewebe“ hörte ich einige Male. Dieses Wort war gefallen, während er schlief. Durch die Verletzungen stirbt Gewebe ab und produziert Stoffe, die von den Nieren verarbeitet werden müssen. Sieben Liter Flüssigkeit werden täglich durch seinen Körper geschickt, um die Nieren durchzuspülen. Darüber hatten wir uns gestern mit einem Pfleger unterhalten.

Er verlangte nach Essen, wollte ein Bier trinken und eine Kippe. Irgendjemand spielte 1:1, es fiel das Wort Urlaub und der Name seines Freundes. Der wurde heute operiert. Man musste einen Luftröhrenschnitt machen; seine Lunge hatte versagt. Seit dem Unfall ist er nicht wieder zu sich gekommen. „Es geht ihm wie dir. Er hat viele Knochen gebrochen und Schmerzen.“ „Echt?“ keuchte er. Auf Fragen gab er Antworten. Piepsig klingt er, etwas hat seine Stimmbänder gereizt. Er riss an der Beatmungsmaske und an den Fixateuren an Becken und Bein mit einer Kraft, dass wir kaum mit ihm fertig wurden. Die Schmerzen quälten ihn. All die Schläuche und Kabel sind ihm im Weg. Als erstes fehlt immer der Clip am Finger, ein kleines Ding, eins der Messgeräte an seinem Körper. Es durchleuchtet den Finger per Infrarot, genauer gesagt die Blutkörperchen und errechnet den Sauerstoffgehalt im Blut. Oder so ähnlich. Ihm ist das egal. Flupp, ist es weg.

Man stellt es sich anders vor, das Aufwachen aus der Bewusstlosigkeit. Man denkt, es beginnt mit einem Wort, dann geht es weiter mit zweien, schließlich mehreren und immer mehr. Aber so ist es nicht. Der komplette Wortschatz und die typische Ausdrucksweise sind verfügbar, doch im Gehirn herrscht keine Ordnung. Es ist, als ob Nervenblitze auf beliebige Regionen im Gehirn treffen und dort Gedanken- und Sprachsplitter aufwirbeln. Es könnten ebenso gut andere Worte und andere Sätze sein. Die Art zu sprechen bleibt aber dieselbe. Die, die man immer schon kennt. Jungensprache. Gassensprache. Und jetzt scheint sie nicht mehr zu passen. Als gäbe es eine Krankenhaussprache.

Man testete heute wieder sein Gehirn. Der Befund zeigt verletzte Stellen, aber es ist nicht ganz klar, wie groß sie sind. Während der Untersuchung muss er stillhalten, was möglicherweise nicht gelungen ist. So können manche Stellen durch Verwackelung größer erscheinen. Der junge Mann vor ihm entspreche jedenfalls nicht ganz dem Befund, meinte der Arzt und war optimistisch. Er sah den Jungen an und rief laut, „Hallo, hallo hörst du mich?“ Sein Körper regte sich, er stöhnte. „Was ist drei und fünf, weißt du es?“ Wir standen um sein Bett und starrten ihn an, während er sich zur Seite wälzte. „Acht,“ seufzte er.

„Er macht seine Sache gut“, meinte der Arzt, während uns die Erleichterung im Gesicht stand, „aber Hirnverletzungen können viel Zeit brauchen.“ Es war geplant, dass er am Montag operiert wird. Wir mit unseren Plänen! Die Neurologen geben ihn nicht frei, frühestens Ende nächster Woche könne man daran denken. Richtig so. Kein Risiko bitte, was ist schon eine Woche.

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