Zum Knutschen

Er redete fast die ganze Zeit. Über zwei Stunden lang. Klare Sätze! Kein Genuschel mehr. Er nahm seine Freundin in die Arme, er versteht, wer bei ihm ist und was man zu ihm spricht. Fast ist er wieder der liebe drollige Kerl, mit seinen Sprüchen und Ausrucksweisen und seinem Geplauder. Was er erzählt, sind wirre Geschichten. Erlebnisse vom Urlaub, von Autofahrten, von seinem Freund und von Leuten, die er kennt. Er reagiert auf uns, er gibt Antworten, rutscht aber schnell ab in Schilderungen von Abenteuern, die er erlebt haben mag oder nicht. Ich glaube nicht. Oder nicht alle.

Er suchte im Bett nach der Fernbedienung. Ihm gegenüber steht ein Monitor und er hielt ihn für den Fernseher. Wir erklärten ihm, dass das zu einem Computer gehört, immer wieder. Und er suchte nach der Fernbedienung, immer wieder. An den Stangen an Becken und Bein machte er nicht mehr so wild herum wie in den Tagen zuvor. Allmählich scheint er zu entdecken, dass sie sich nicht wegnehmen lassen. Er wollte aufstehen, „wir gehen jetzt auf mein Zimmer, was woll’n wir denn hier“, sagte er immer wieder und turnte im Bett herum. „Was machen wir noch, was geht? Woll’n wir ewig hier rumgammeln?“ So ging es in einem fort. Die künstliche Ernährung wurde eingestellt, er kann wieder essen. Nach ein paar Bissen von einem Wurstbrot – wir redeten gerade über Restaurants – richtete er sich plötzlich auf im Bett und sagte zum Pfleger: „Für mich bitte eine große Cola.“ Bizarre Erfahrungen machen wir in diesen Tagen, und eine davon ist, dass man auch am Bett seines schwer verletzten Kindes lachen kann.

Die Schmerzmittel konnten reduziert werden, aber sein Blutdruck ist stark gestiegen, 220 zu 110! Das komme häufig vor nach Hirnverletzungen, sagte man uns. Er bekommt Medikamente.

Der Sohn des Unglücksfahrers rief an beim Vater seines Freundes. Er hatte an diesem Tag geheiratet, der Audi war auf dem Weg zur Hochzeitsfeier oder kam von dort. Die Frau, die auf dem Rücksitz starb, war die Mutter der Braut. Sein Vater sei noch im Schock, und was passiert sei, tue ihm unendlich Leid.

Das war’s von heute, ich lass es jetzt ruhig ausklingen, es gibt ja noch einen Mann hier. Viel haben wir nicht mehr voneinander. Bis ich zurück bin nach den Besuchen, ist es meist halb neun. Wir essen dann zusammen, ich lade meine Gedanken hier ab und geh ins Bett. Man nimmt sich nicht mehr richtig wahr, ich bin wie erstarrt. Während der Woche mache ich meinen Job, lerne weitere Abläufe und Programme der neuen Arbeitsstelle kennen. Um vier Uhr fahre ich mit meinem ersten Mann in die Klinik zu unserem Sohn. 100 km sind das von hier. Wir stützen unsere anderen Kinder so gut wir können, und alles geht. Die einzige Schwäche, die ich mir im Moment erlaube, ist die Zigarettenpause vor und nach den Besuchen. Ich habe nicht wieder mit dem Rauchen angefangen, es ist eine vorübergehende Erscheinung, aber im Moment das einzige Vergnügen und ich erlaube es mir.

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Ein Gedanke zu „Zum Knutschen

  1. Karin

    … erlaubs dir – erlaub´dir im Moment einfach alles, was Dir gut tut und dir hilft… ich denk´an Dich – Ihr schafft das schon!!! Liebe Grüße Karin

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