Der graue Hai

Ich glaube er meint, er sei in Amsterdam. Immer wieder wundert er sich, dass wir ihn besuchen. Er fragt oft, ob wir mit dem Zug gekommen sind, wie lange wir unterwegs waren und jedes Mal erklären wir ihm, dass wir mit dem Auto gekommen sind und dass er sich in Ulm befindet. Vielleicht hört seine letzte Erinnerung irgendwo in einem Cafe auf, wo er und sein Freund das Ende des Urlaubs beklagen, und im nächsten Moment liegt er mit Schmerzen in einem Bett und seine Mutter erzählt ihm, er sei in Ulm. Ich erkläre es ihm wieder und wieder, aber wenn ich ihn zehn Minuten später frage ob er weiß, wo er ist, kann er es nicht sagen. An Adressen und Vergangenes erinnert er sich meist auf Anhieb, aber sein Kurzzeitgedächtnis arbeitet nicht. Traumbilder tauchen auf. „Ich hab dir doch gesagt, ein Hai hat mich angegriffen.“ „Aber hier gibt’s keine Haie, Kind.“ „Doch, in dem Becken, da hat mich ein grauer Hai angegriffen.“ „Und was passierte dir dann?“ „Ich wurde bewusstlos.“

All das sei nach einem Schädel-Hirn-Trauma nichts Ungewöhnliches, meinte der Pfleger. Wieder ein neues Gesicht übrigens. Nach einer Woche treffen wir immer noch Schwestern und Pfleger, die wir nicht kennen. Insgesamt 60 Pflegekräfte arbeiten in Schichten auf dieser Intensivstation für maximal 16 Patienten. Tag und Nacht ist jemand im Zimmer, immerzu hört man jemanden reden oder lachen. Man muss sich hier nicht verloren fühlen.

Die intravenöse Schmerzmittelgabe wurde eingestellt, dreimal am Tag gibt es jetzt eine Tablette (Targin) und nur bei Bedarf etwas dazu. Er hat aufgehört, an sich herumzureißen, so dass seine Hände nicht mehr ans Bett fixiert werden müssen. Auch die Sauerstoffmaske war heute weg, aber er war erschöpft. Immer wieder döste er weg und war etwas später wieder da. Zumindest halb. Er braucht Zeit.

Ich selbst habe mich etwas erholt, zumindest mehr geschlafen. Mein Körper fühlt sich an wie nach einem Marathon-Lauf, jedenfalls stelle ich es mir so vor. Irgendwie tatterig.

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