Schritt für Schritt

Nicht so erschöpft wie gestern und nicht so überdreht wie vorgestern, irgendetwas dazwischen war’s heute. Mit seinen Sprüchen unterhielt er die Schwestern und Pfleger und als wir kamen, verbiss er sich darin, nach draußen gehen zu wollen um zu rauchen. Die Besucherin des zweiten Patienten im Zimmer, eine ältere Dame, bat er um eine Zigarette. (Sie schaute schnell weg.) Er wolle nur eben raus, ein einziges Mal, seit einer Woche habe er nicht geraucht, er hörte nicht auf. Dass er mit all den gebrochenen Knochen liegen blieben muss, dass man in einem Krankenhaus nirgendwo rauchen darf, wo er überhaupt ist und warum – es dringt nicht in sein Bewusstsein. „Wo schlaf ich heute abend? Hier doch nicht? Hast du eine Zigarette? Ich geh raus eine rauchen.“ Es gelang uns nicht ihm zu erklären, warum das nicht geht.

Solche Diskussionen reizen ihn und es ist schwer, ihn davon wegzuführen. Aber schließlich schafften wir es und er plauderte vor sich hin, lebhaft und knuddelig, wie wir ihn kennen. Sein Kopf tue weh, sonst habe er keine Schmerzen. Dreimal konnte er sich an etwas erinnern, was wir zuvor zu ihm gesagt hatten (wenn auch nur für kurze Zeit). Sein Vater und ich schauten uns jedes Mal an, nickten und lächelten.

Er wurde auf eine andere Intensivstation verlegt, hier betreut eine Krankenschwester zwei angrenzende Räume, also vier Patienten. Ich sah Flecken auf seinem Hemd, und eine Flasche, die über einen kleinen Schlauch Wundsekret auffängt, hing nicht in der Halterung, sondern lag auf dem Boden. In der bisherigen Station war mir so etwas nie aufgefallen.

Am Freitag wird er operiert. Wir erfuhren vom Chirurgen, dass nicht nur der Arm und der Zeigefinger versorgt werden, sondern auch die Brüche am rechten Bein. Das Becken werde durch den Fixateur gut zusammen gehalten, so dass er dort – mit viel Glück – vielleicht keine Operation braucht. Ein paar Wochen lang bleibt die Fixierung dann allerdings, aber es würde ihm einen oder gar mehrere große Eingriffe ersparen. Kompliziert ist die Einverständniserklärung zur Operation. Wir wurden mehrmals über alle Risiken aufgeklärt, die gebe ich hier nicht wieder. Ich habe so viel gebetet und andere auch, man hat ihm gute Gedanken geschickt und er wird von einer Fernheilerin behandelt. Seine Fortschritte sind enorm und es wird gut gehen. Fertig.

Trotzdem muss bestätigt werden, dass er die Risiken kennt, und unser Sohn ist im Moment nicht in der Lage, sie einzuschätzen. Es liegt nahe, dass seine Eltern das Einverständnis geben. Falsch! Nicht rechtsgültig, sagt der Staat, der Patient ist volljährig und Eltern haben nichts mehr zu sagen. Deshalb erscheint am Freitag ein Richter. Ja, richtig gelesen. Ein Richter muss damit einverstanden sein, dass die Ärzte operieren. Man sollte meinen, die nächsten Angehörigen können den Willen des Patienten beurteilen und Ärzte die medizinische Notwendigkeit. Was ein Richter beurteilen kann, müsste mir jemand erklären, denn ich versteh es nicht. Jedenfalls hat der Junge unterschrieben sowie sein Vater und ich. Am Freitag also noch ein Richter und irgendeine der vier Unterschriften wird dann wohl gültig sein. „Sonst holen wir zur Sicherheit noch Frau Merkel,“ grinste der Chefarzt.

I

Ich bin müde. Obwohl ich heute Morgen zum ersten Mal seit dem Unfall vom Alarm wach wurde und nicht schon lange vorher. Ich hab schlimme Kopfschmerzen, seit Tagen, aber die Herzschmerzen sind besser. Das war lästig, weil ich so kurzatmig geworden war, man fühlt sich ja wie 80. Oder eigentlich wie 500.

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6 Gedanken zu „Schritt für Schritt

  1. Tom

    Hallo Anhora,

    die Fortschritte deines Sohnes kommen wohl durch die Medizin! Im Zweifel würd ich mich eher darauf verlassen als auf Beten oder Fernheilen. Er wird wieder gesund, wirst scho sehn.

    Gruß
    Tom

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  2. Anhora Autor

    Hallo Tom,

    gerade im Zweifel verlasse ich mich lieber nicht auf die Medizin allein! Bei aller Ehrfurcht vor dem, was Ärzte und die Pharmaindustrie heute können – es geht nicht nur um den Körper des Patienten. Es muss auch den Kampf aufnehmen und siegen wollen. Deshalb wird im Moment zu Gott gebetet und zu Allah, manche schicken ihm in Gedanken Kraft und eine Lichtkugel ist bei ihm. Das braucht er jetzt.

    Grüße
    Anhora

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  3. Brigitte

    Ich sende dir einen Engel
    der bei Tag und Nacht
    immer über dich und Marco wacht
    dem du all deine Sorgen
    erzählen kannst
    egal ob bei Kummer
    Sorgen
    Zorn oder Wut
    glaub mir
    er hilft dir
    macht
    schnell
    alles wieder gut
    er hält
    deine Hand
    wenn du
    wieder fällst
    drückt sie Dir dann feste
    und ist nah bei Dir
    mit all seiner Güte
    fängt
    er dich dann auf
    du musst
    nur daran glauben
    das er bei dir ist
    es kann nichts passieren
    dessen sei Dir bewusst
    denn dieser Engel ist
    immer bei Marco und DIR.

    In Gedanken bin ich immer bei euch und sende euch viel Kraft…

    Es wird alles gut!!!!!

    Herzliche Grüße

    Brigitte

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  4. Anhora Autor

    Herzlichen Dank für dieses tröstende Gedicht. 🙂

    Im Moment operieren sie ihn noch, seit heute morgen ca. 11h. Bis jetzt ist alles gut verlaufen, das Bein ist versorgt, jetzt sind sie an seinem Arm. Sein Schutzengel ist sicher bei ihm, und wir alle mit unseren Gedanken.

    Liebe Grüße

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