Nach der OP

Man muss ihn jede Minute im Auge behalten! Aber wir wurden vor die Tür geschickt, weil sie irgendwas mit ihm machten, und nach einer Weile hörte ich ihn heiser rufen. Als ich ins Zimmer lief, saß er auf der Bettkante! Beide Beine auf dem Boden und ich konnte ihn kaum in die Kissen zurück drücken. Es brauchte drei Leute einschl. eines Pflegers, um ihn wieder in die richtige Position zu bringen. Diese bl… Schwester hatte ihn durch die Verbindungstür zu einem angrenzenden Zimmer verlassen und weder die Barrieren an seinem Bett angebracht noch mich informiert!

Von diesem Einfall abgesehen, war er ruhig, abgekämpft. Die Narkosemittel betäuben ihn sicher noch, insgesamt hat er die Operation gestern gut überstanden. In der Nacht bekam er allerdings Fieber, irgendwo in seinem Körper gibt es einen Infekt – wahrscheinlich im Harnleiter durch den Katheter – und er bekommt jetzt ein Antibiotikum. Mir war nichts aufgefallen heute, das Fieber ist also im Griff.

Das Becken muss nicht operiert werden, das ist die gute Nachricht, der Fixateur reicht zum Glück aus. Die anderen Brüche waren schwierig zu versorgen. Man stabilisiert statt mit außen am Knochen verschraubten Platten inzwischen mit einer Art langem Metallstift, der ins Innere des Knochens eingeführt wird und ihn zusammen hält. Das braucht nur oben und unten einen kleinen Schnitt, und alles ist stabiler. Bei unserem Sohn war das Problem, dass sein Unterschenkelknochen so stark ist, dass man drei Akkus brauchte, um mit der Bohrmaschine einen Weg zu bahnen in den Knochen, und es gelang auch nur die  dünnste Version.

Das Knie hingegen ging leichter, als man erwartet hatte, und auch beim Oberschenkel gab es keine Probleme. Aber der linke Arm ist so zertrümmert, dass sie es nicht perfekt hinkriegten. Es wird eine weitere Operation geben. Der rechte Zeigefinger wurde nur geschient, es heile auch so. Ich hoffe das stimmt und nicht, dass die Chirurgen nach sieben Stunden im OP keine Lust mehr hatten und heim wollten.

Ich war heute mit meinem Lebensgefährten schon um die Mittagszeit in der Klinik, und der Junge fragte sofort nach seinem Papa. Er kann sich also erinnern, dass ich sonst mit seinem Vater komme. „Er muss heute arbeiten“, sagte ich, „heute Abend siehst du ihn.“ Das war in Ordnung. Wir schauten wieder seine Urlaubsbilder an und die Karte von der Firma. Daran freut er sich immer noch, und noch mehr über eine Karte, die ich ihm von seiner Schwester brachte. „Cool“, fiepte er. Es sind Bilder darauf von ihm und unserer Familie mit allen Telefonnummern, die er bald braucht, denn sein Handy überstand den Unfall nicht.

Wie immer bei den Besuchen wollte er die ganze Zeit gestreichelt werden, massiert, gebusselt, beruhigt. Es ist das Einzige, was ich für ihn tun kann. So wenig.

Gegen die Schmerzen bekommt er wieder Dipidolor, ein Morphium. Ich hoffe, es schadet ihm nicht. Heute ließ es ihn einfach wegdämmern und das braucht er im Moment. Er darf sich ausruhen.

In Ulm wird er wohl noch zwei weitere Wochen bleiben. Danach geht er direkt in die Reha, möglicherweise in eine Klinik in Gailingen. Das ist auch über eine Stunde zu fahren, aber die nächstgelegene Möglichkeit. Immerhin würde er dort junge Leute um sich haben. Etwa sechs Wochen lang wird er nicht aufstehen können und wer weiß, wann sich sein Kopf erholt. Wir wollen ihm Zeit geben und vielleicht auch den Gedanken zulassen, dass etwas zurück bleiben wird. Doch egal wie mobil oder wie klar: Wir haben ihn noch, und ich bin sehr dankbar.

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