Keine Ruh

Mein Sohn – vor drei Tagen glaubte er sich noch Thailand – behauptete heute, er sei am Bodensee. An seinem Bett steht jetzt ein Telefon, und am Nachmittag rief er mich an. „Wann kommst du?“ „Ich war gestern bei dir, heute kommt Papa.“ „Du warst gestern nicht hier.“ „Doch.“ „Und heute kommst du nicht?“ „Nein, ich kann nicht jeden Tag so früh bei der Arbeit aufhören.“ „Dann ruf ich jetzt Papa an.“ „Weißt du denn, wo du bist?“ „Ich bin am Bodensee.“

Verwirrt sei er gewesen, berichtete sein Vater am Abend. Er wollte nicht im Bett bleiben, sondern raus, nach Hause, er hatte Mühe gehabt, den Jungen zu beruhigen. Wie muss es einem Menschen gehen, der immerzu liegen muss und nicht versteht, warum?

Das Becken muss nun doch operiert werden. Es sind vier Brüche, die am Montag oder Dienstag mit Platten und Schrauben versorgt werden. Der externe Fixateur kommt dann wahrscheinlich weg und nach einer Woche etwa könne er in einen Rollstuhl. Endlich. Ein Zwanzigjähriger sollte nicht wochenlang zum Liegen gezwungen werden. Der Eingriff selbst sei Routine und dauere nur eineinhalb Stunden. Ansonsten verlaufe die Heilung der Knochenbrüche komplikationslos, in den nächsten Tagen wird ein weiterer neurologischer Test gemacht. Die Auswirkungen der Hirnblutung sind schwer zu definieren.

Etwa 4000 km sind wir seit dem Unfall gefahren, um ihn täglich in der Klinik zu besuchen. Nie wieder werde ich die Strecke zwischen meinem Heimatort und Ulm zurücklegen können ohne diesen Albtraum im Kopf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s