Verwirrung

„Seine Augen sind größer als sonst, doch sein Blick geht ins Leere. Er ist noch nicht sich selbst.“ So fasste sein kleiner Bruder den Eindruck zusammen, den er heute bei seinem ersten Besuch im Krankenhaus hatte. (Zu viele Besucher wären bisher zu anstrengend gewesen.) Auch ich hab mir gelegentlich überlegt, ob diese Kulleraugen immer schon zu ihm gehörten. Am ehesten vielleicht, wenn er etwas getrunken hatte. Aber sonst?

Er erinnerte sich heute, dass während des Tages eine Untersuchung mit ihm gemacht wurde am Kopf. Die Schwester sagte später, mit einer Sonografie der Halsschlagader wurde deren Durchlässigkeit geprüft und ob das Gehirn ausreichend durchblutet wird. Alles in Ordnung, so das Ergebnis, die Blutgefäße sind in gutem Zustand. Sie berichtete auch, dass sich bei meinem Kind klare Phasen mit großer Verwirrtheit abwechseln. Das sei normal bei Patienten mit einem Durchgangssyndrom. Wenn er in einem solchen Zustand ist, versuche er jedoch Immer wieder er aus dem Bett zu kommen, was ihm einige Male beinahe gelungen sei. Da sie am Wochenende wenig Personal haben, wäre es daher gut, wenn möglichst ständig jemand von uns bei ihm sei.

Die am Montag geplante Operation der Beckenbrüche muss verschoben werden. Kein medizinisches Problem gibt es, sondern ein rechtliches. Man mags nicht glauben, aber der Zirkus mit der Einwilligungserklärung zur OP fängt wieder an. Der Junge ist nicht klar genug im Kopf, um die Risiken der Operation einzuschätzen, wir Eltern können ihn nicht vertreten, da er volljährig ist, und der Narkosearzt weigert sich, ein Risiko einzugehn. Ich wandte ein, dass er bereits eine große Operation hinter sich hat mit einer Einwilligungserklärung durch ihn und uns Eltern. Einen Richter, den man zunächst hinzuziehn wollte, hatte man dann doch nicht gebraucht. Wo also ist diesmal das Problem?

Die Schwester will nun den Narkosearzt der letzten Operation mit dem Narkosearzt der nächsten Operation zusammen bringen, damit sie sich austauschen können. Wenn das nichts bringt, können wir vielleicht von der Sozialstation erfahren, was man tun kann. Es darf nicht wahr sein! Als ob es kein Risiko wäre, einen jungen Mann zum Liegen zu zwingen, womöglich wochenlang, und eines Tages schafft er es noch aus dem Bett und das instabile Becken bricht erneut!

Auf der Sozialstation kam sein Vater heute auch nicht weiter, weil den ganzen Vormittag die Telefonleitung belegt war. Zum Thema Reha wissen wir also noch nichts.

Abschließend kann man nur sagen, dass unser Sohn lebhaft ist, abenteuerliche Geschichten erzählt und das Rufgerät für die Schwester entdeckt hat. „Magst du was trinken, Mama?“ „Nein danke.“ „Ach komm, du magst sicher was, ich bestell uns ein Bier.“ Schon war der Finger auf der roten Taste, bevor ich auch nur den Mund geöffnet hatte zum Protestieren. Und eine Schwester versuchte ihm verständlich zu machen, dass es im Krankenhaus kein Bier gibt.

Was ist ein Durchgangssyndrom?

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Ein Gedanke zu „Verwirrung

  1. Tom

    So nun wissen wir also auch, was ein Durchgangssyndrom ist. Hab ich noch nie gehört davon. Aber nun wissen wirs und du hast es ja selbst gelesen: Es klingt wieder ab. Er wird es schaffen, Kopf hoch. Und lass dich von so ein paar Krankenhausbürokraten nicht verrückt machen.

    Alles Gute
    Tom

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