Was war?

Mein Sohn gehört als Junge zu den Ausnahmen, die auch der eigenen Mutter viel zu erzählen haben. Das kam freilich zu kurz in den letzten Wochen, verwirrt und schwach wie er war. Wenn er in den vergangenen Wochen auch gerne plauderte, so doch nur über Alltäglichkeiten, dies und das, und mit Pausen dazwischen. Eben aber telefonierte ich mit ihm wieder wie früher mindestens eine halbe Stunde lang. Nichts Banales geht ihm durch den Kopf.

Bis heute hat er keine Erinnerung an den Tag, als es geschah. Selbst vom Urlaub in Amsterdam erinnert er sich nur an das, was er auf Fotos sieht, von der Zeit im Krankenhaus höchstens an die letzten ein bis zwei Wochen. Jetzt will er wissen, was war, und wie es war, nach dem Unfall. Wie wir davon erfuhren, was wir sagten, wie wir weinten, am liebsten würde er alles wieder gut machen, nur weiß er nicht wie. „Werd wieder gesund“, sagte ich, „dann ist es gut.“ Er fühlt sich nun schuldig, weil er uns so viel Kummer bereitet hat. Diese Art von Gedanken kenne ich nicht an ihm. Als ob er etwas dafür könnte, sagte ich. Wenn er betrunken in ein Auto gelaufen oder von einer Brücke gestürzt wäre, dann hätte ich (vielleicht) gesagt: „Du hast uns viel Leid gebracht, und du hättest es vermeiden können. Es ist deine Schuld!“ Aber so war es nicht. Niemand konnte etwas dafür. Es passierte einfach, und wir schauen nach vorne. Was für ein Geschenk, dass er so stark ist.

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