Viel zu bereden

Je besser es ihm geht, desto mehr langweilt er sich, und desto weniger lässt er uns nach den Besuchen gehen. Von halb zwei bis neun Uhr abends waren wir heute in der Klinik, und zu reden gab es viel. Er ist besessen davon zu erfahren, was geschehen ist, wie er war in den wirren Phasen, was er sagte, was er tat, alles will er wissen. Sein Gedächtnis ist noch nicht gut, manches berichteten wir mehrmals. Schade ist, dass er sich an den Clownbesuch vorgestern nicht erinnert! Aber auch manches aus seinem Leben vor dem Unfall ist weg. So fiel ihm heute ein, dass er einen wichtigen Termin beim Zahnarzt hatte im Juni, aber er wusste nicht mehr warum. Dass er sich in seiner Firma um einen Auslandseinsatz in England beworben hatte, kam ihm erst wieder in den Sinn, als wir heute davon sprachen.

Aber vor zwei bis drei Wochen vergaß er schon während des Gesprächs, wovon er Minuten vorher geredet hatte, Vergangenes vermischte sich mit Neuem, er hatte keine Orientierung und auch schizoide Phasen kamen vor („die wollen mich umbringen hier!“). Alles Vergangenheit. Stundenlang plauderten wir miteinander, als hätten wir uns in einem Biergarten getroffen und wären verhockt.

Auch sein Körper wird kräftiger. Mit zwei gebrochenen Armen kann er sich im Rollstuhl nicht selbst fortbewegen, doch Sport hat er genug: In keiner Position hält es ihn lange, immerzu fängt etwas an zu schmerzen, die Beckenbrüche vor allem. Er hievte sich also mehrmals vom Bett in den Rollstuhl, vom Rollstuhl auf eine Bank, von der Bank zurück in den Rollstuhl, dann eine Weile stehen, wieder in den Rollstuhl, ins Bett, in den Rollstuhl – den ganzen Nachmittag war er in Bewegung. Wir verbrachten die meiste Zeit in dem kleinen Park vor der Klinik in der Sonne, und als wir ihn am Abend verließen, wirkte er trotzdem nicht sehr erschöpft.

Am Dienstag darf er endlich in die Reha. Sein Freund wird am selben Tag in dieselbe Rehaklinik aufgenommen, das ist eine wundervolle Nachricht. Es frustriert ihn nur, dass sein Freund bis dahin ein paar Tage zu Hause verbringen darf und er nicht. Aber der vor kurzem operierte Finger muss täglich versorgt werden, und das sah er ein.

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