Fast geschafft

Der letzte Tag im Krankenhaus. Er zählt die Minuten, bis er gehen darf, und doch hat er Angst, das Neue nicht bewältigen zu können. Er war nervös wegen dem, was morgen auf ihn zukommt. „Hoffentlich plagen sie mich nicht,“ sorgte er sich, „hoffentlich kann ich das alles.“ In der Reha wird es vielleicht kein Knöpfchen geben, auf das er drücken kann und schon eilt jemand ins Zimmer uns hilft. Wochenlang nervte er die Krankenschwestern, aber was konnte er tun? Wenn er Schmerzen hat, wenn er Durst hat, wenn er in den Rollstuhl will, um zur Toilette zu kommen, wenn er sich zu Tode langweilt – immerzu braucht er jemanden! Ob ab morgen jemand zu ihm eilt, wenn er es braucht, weiß er nicht.

Heute jedenfalls nahm er noch einmal ein Bad. Auch so was – wie duscht man sich mit so vielen Knochenbrüchen? Gar nicht. Er kann ja nicht stehen. Vor ein paar Tagen durfte er zum ersten Mal ein Bad nehmen, nach all den heißen Tagen, in denen er sich nicht richtig waschen konnte. Nett, was er antwortete auf meine Frage, ob es dafür eine Art Lift gibt, um ihn in die Wanne zu bringen. Er sagte: „Nein, keinen Lift. Die Schwestern haben mir geholfen, mich auf den Rand der Wanne zu setzen und dann hat mich eine hineingeschubst.“

Heute also das zweite Bad, seine Schwester und ich halfen ihm. Wir haben ihn nicht in die Wanne geschubst, und bis wir ihn drin hatten, dauerte es mindestens zehn Minuten. Fit für die Reha hört sich an, als hocke er mit Hanteln im Bett und trainiere seine Muckis. Aber jede Bewegung tut ihm weh, Zentimeter für Zentimeter tasteten wir uns vom Rollstuhl zur Wanne und ins warme Wasser.

Mager ist er geworden. 65 kg wiegt er gerade noch bei 180cm Größe, sein Körper sieht aus wie der eines Zwölfjährigen. Wir wuschen seine Haare, spülten den Schweiß von seiner Haut, es tat ihm gut. Frisch angezogen und duftend saß er schließlich wieder im Rollstuhl, und morgen ist der große Tag. Um acht Uhr wird er abgeholt mit dem Krankenwagen, denn sitzen kann er so lange noch nicht. Er hat Angst vor der Fahrt, drei Stunden sind es von Ulm nach Gailingen. Er hat überhaupt Angst, je wieder in einem Auto zu sitzen und würde sich am liebsten einen Volvo anschaffen. Die sind angeblich am sichersten.

Aber bis dahin werden noch ein paar Wochen vergehn. Jetzt ist die Reha dran, sie wird ihn wieder in Bewegung bringen. Vorbei die langen Stunden des Herumliegens. Endlich.

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2 Gedanken zu „Fast geschafft

  1. Karin

    …das klingt ja alles so gut – ich drück´euch allen ganz fest die Daumen, dass es jetzt aufwärts geht… er schafft es…
    Wenn ich irgendwas für Euch tun kann – gerne – bitte gebt nach wie vor Bescheid, wenn wir ihn besuchen dürfen… Viele Grüße an Marco von Karin, Sarah und Leonie!!!

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  2. Anhora Autor

    Hallo Karin,

    anden Wochenenden kann man ihn jederzeit besuchen. Wie es am kommenden ist, kann ich erst sagen, wenn ich mehr über die Untersuchung heute abend weiß. Bitte ruf ihn einfach auf dem Handy an, am besten abends. Dann kann er selbst sagen, wann es am besten ist.

    Danke für eure Grüße, ich richte sie ihm aus!

    Liebe Grüße

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