Vom Loslassen und noch einer Frieda

Heute hat sich eine ganz Gruppe junger Leute auf den Weg gemacht, um ihn zu besuchen. Seine Freundin, sein kleiner Bruder und ich glaube noch mehr, ich hab vergessen wer es war. Gott sei Dank kamen sie heil an. Es schnürt sich alles zusammen bei mir, wenn eins der Kinder mit dem Auto unterwegs ist.

Am Montag besuchte ich ihn das letzte Mal, und erst morgen sehe ich ihn wieder. Wir telefonieren jeden Tag, aber es ist ungewohnt, er fehlt mir. Der leitende Arzt der Rehaklinik meinte, erst solle er sich an die Menschen, Therapien und Abläufe gewöhnen, und weil ihn neben seinen Verletzungen auch das anstrengt, sei Ruhe jetzt besser für ihn als Besuche. Als gelernte Mutter weiß ich natürlich, dass man die Hand eines Kindes loslassen muss, und immer fühlt es sich an, als wäre es zu früh. Dabei stellt sich manchmal heraus, dass es eher zu spät war. Seine Schwester wird das noch lernen müssen, sie fiebert danach, etwas für ihn zu tun oder ihn zu besuchen. Ich staune immer wieder, mit welcher Leidenschaft sie da ist für ihren Bruder. Wenn sie etwas tut, dann tut sie es ganz, und so ist es richtig. Von den ewigen „Soll-ich?-Fragern“ und „Meinst-du?-Typen“ gibt es genug.

Seine Stimme klang normal heute, nicht wie gestern: Da war sie ganz tief. Er hatte über Schmerzen im Becken geklagt, und dass die Ärzte ihm nichts als Ibuprofen geben. Er verlangt nach stärkeren Mitteln und bekommt sie nicht. Ich frage mich, ob er Entzugserscheinungen hat. Die Medikamente werden herunter gefahren, und einverstanden ist er damit nicht. Ich verstehe, dass er manchmal an die Decke gehen möchte, aber er soll auch nicht medikamentenabhängig werden. Ach, es zerreißt mich fast, weil ich gesund bin und ihm nichts davon geben kann.

Was mag es machen mit Menschen, die immerzu Schmerzen haben? Mir fällt Frieda Kahlo ein, die mexikanische Malerin. Es gibt einen Film über ihr Leben. Frieda Kahlo überlebte als junges Mädchen einen Busunfall und von da an hatte sie Schmerzen, die ihr Leben lang nicht vergingen. Man sieht es in ihren Bildern, auf diesem zum Beispiel. Wen es interessiert: hier ihre Geschichte. Und doch hat auch sie nicht aufgegeben, sondern gelebt. Was für ein Leben es gewesen sein muss, kann von uns allen im Moment nur mein Sohn ahnen.

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