Erster Besuch in Gailingen

Gailingen ist nicht so klein, wie es sich anhört. Ich erwartete ein paar Höfe und einen Edeka, aber wir fuhren durch etliche Straßen, an historischen Gebäuden vorbei und durch ein Neubaugebiet, bis wir die Klinik erreichten. Ein schöner Ort, ruhig, freundlich. Mit Taschen und Körben voller Leckereien betraten wir das Gebäude, als gäbe es dort nichts zu essen. Die Jungs fand wir in einem hübschen Zimmer mit einem Bad, das für Behinderte viel Platz hat.

Wozu die moderne Medizin in der Lage ist, zeigt das Gesicht seines Freundes. Ein wenig ist es noch angeschwollen; eine kleine Narbe auf der Nasenwurzel, eine weitere kaum sichtbar unter dem Kinn, ein Auge wird später korrigiert werden. Ansonsten sieht man – nichts. Wer weiß, was dieser Junge an Verletzungen im Gesicht hatte, mag an ein Wunder glauben. Unzählige Knochenbrüche wurden zusammen gefügt, irreparable Teile durch Titan ersetzt, ein Künstler muss am Werk gewesen sein. Ich bin so froh für ihn. In diesem Alter kann man ein zerstörtes Gesicht am wenigsten aushalten.

Seit gestern endlich klingt die Stimme meines Sohnes nun wirklich wieder wie früher, aber sein Gedächtnis ist schlecht. Ab und an vergisst er beim Reden, was er sagen wollte. Auch was vor dem Unfall war, selbst was lange vor dem Unfall war, weiß er zum Teil nicht mehr. Seine Freundin jedoch – sie besuchte ihn gestern und kam heute auch mit uns mit – meinte, am Tag zuvor seien ihr diese Vergesslichkeit weniger aufgefallen als heute. Also gibt es eine Tagesform.

Ich wüsste gerne, was da passiert im Gehirn. Ein Arzt erklärte mir einmal, dass die Bereiche mit den Einblutungen später vernarben können. Sind die dort gespeicherten Informationen dann weg? Mir kommt es vor, als ob er sich am einen Tag an etwas erinnert, was am nächsten Tag weg ist und am dritten vielleicht wieder da. Versteh’s nicht ganz.

Alle zusammen spazierten wir an den Rhein und saßen auf Bänkchen in einem kleinen Park. Gar nicht so einfach, den Rollstuhl sicher voranzubringen. Mit vier Kindern hat man Erfahrung mit Kinderwagen und dergleichen, aber die sind erstens viel leichter und zweitens hängt vorne kein lebendes, ausgestrecktes Bein dran! Ich vergess das manchmal und streife irgendwo, was für den Jungen keineswegs spaßig ist. Aber einen Rollstuhl zu schieben und vor allem zu lenken, braucht Kraft, selbst mit einem Leichtgewicht wie ihm. Denkt dran, wenn ihr Rollstuhlfahrern begegnet, und macht Platz!

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