Lebensfragen

Es klingelt an der Tür, der Junge öffnet, es sind zwei Polizisten. Sie wollen die Eltern sprechen. Der Junge ruft die Mutter. Der Schmerz, der sich ihr beim Anblick der Männer heiß ins Herz bohrt, wie damals, als es hieß: es gab einen Unfall. Alles zieht sich zusammen in ihrer Brust. „Was wollen Sie?“ haucht sie. „Wir haben Ihren gestohlenen Roller gefunden.“

*

Der Sohn kauert im Beifahrersitz und starrt auf die Straße. Der Mann am Steuer rast in den Tod, so kommt es ihm vor. Er klammert die Hände ineinander, erschrickt vor den Fahrzeugen, die auf ihn zukommen, er schielt aus dem Augenwinkel zum Fahrer. Der ist noch jung, ein Zivi, er bringt ihn vom Rehazentrum in die Klinik zu weiteren Untersuchungen. So viele Fahrzeuge kommen ihnen entgegen. Wird wieder eins die Fahrspur wechseln und in sie hineinprallen? Drei Stunden lang dauert die mörderische Fahrt.

*

Die Mutter ruft die Tochter an. Um vier wollte sie da sein. Die Tochter geht nicht ans Telefon. Die Mutter ruft auf dem Handy an, nichts. Noch einmal auf dem Festnetz, noch einmal auf dem Handy, nichts. Sie ruft den Freund der Tochter an. „Sie ist nicht da.“ Der Mutter wird eng im Herzen, sie steht da und atmet. Langsam. In den Bauch atmen. Sie ruft noch einmal auf dem Handy an, jetzt nimmt die Tochter ab. „Wo bist du?“ „Vor deiner Tür!“ Es ist sechs Minuten nach vier.

*

Wir sind anders geworden.

Werden wir zurück finden in das Leben, in dem Unglück nur andere trifft? Werden wir wieder ohne nachzudenken in ein Auto steigen? Werden wir unseren Kindern fröhlich hinterher winken, wenn sie verreisen? Ich frage mich, ob Normalität wie wir sie kannten noch möglich ist. Und wann. Nach einem Jahr vielleicht? Nach zwei? Oder niemals?

Diese Geschichte fällt mir dazu ein: „Der Meister machte mit seinen Schülern einen Ausflug. Zur Rast setzen sie sich an das Ufer eines Flusses, das steil abfiel. Einer der Schüler fragte: “Sag Herr, wenn ich nun abrutsche und in den Fluss falle, muss ich dann ertrinken?” “Nein,” antwortete der Meister, “du ertrinkst nicht, wenn du in den Fluss fällst. Du ertrinkst nur, wenn du drin bleibst.”

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag.

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