Auszeit

Ich musste ihn dauernd ansehn gestern, als wir alle auf der Terrasse saßen, er an einem großen Tisch mit seinen Geschwistern und Freunden. Er war so entspannt, denn er war zu Hause, wenigstens übers Wochenende, das erste Mal seit es passierte. Er redete und lachte , ich fragte mich: Ist das der Junge, der er war? Narben hat er im Gesicht, am Körper, im Kopf, auf der Seele vielleicht auch. Aber sein Wesen hat sich nicht verändert, und dafür – wie für vieles andere – bin ich dankbar. Sein Freund saß neben ihm, ein stiller Junge. Ich weiß nicht, ob er immer so still war, aber er befand sich ja nicht in der eigenen Umgebung und bei den eigenen Leuten. Sein Gesicht ist gut verheilt, und er kann wieder normal gehen. Der rechte Arm braucht noch viel Therapie, und er muss am Auge operiert werden.

 Seine Mutter saß bei uns an einem anderen Tisch, sie kam mit ihrem Lebensgefährten und ich mochte beide sofort. Es steckt eine große Kraft und Festigkeit in dieser zierlichen Frau, und Empfindsamkeit. Sie sieht, was voran geht, und lässt das andere nicht zu wichtig werden. Mir gelingt das leider nicht immer. Als Marco ins Haus wollte, musste er vor der Terrassentür aus dem Rollstuhl aufstehen und von seinen Brüdern vorsichtig über die Schwelle getragen werden. Da sah ich: das ist nicht der Junge, der er früher war, und er wird es noch lange nicht sein. Es tat mir so weh. Sie sagte etwas wie „du wirst sehen, er wird wieder herumrennen, er ist schon auf dem Weg dahin“, und es war das Einzige, was ich hätte hören wollen. Ja, so ist es richtig zu denken. Ich weiß selbst nicht, warum es mir manchmal so schwer fällt.

Marco indes grinste nur, als er die Türschwelle überwunden hatte. „Lasst euch nie in einen Unfall verwickeln“, rief er, als er sich in den Rollstuhl zurücksinken ließ und jeder ihm zusah. Heute abend bringen wir die beiden zurück in die Reha.

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