Meilensteinchen

An den Wochenenden darf er nach Hause. Mit dem Rollstuhl kann er freilich nicht viel unternehmen, aber er kann in seinem Zimmer sein, bei seiner Familie, bei seiner Freundin. Das reicht fürs kleine Glück.

Am Sonntagabend holten wir ihn ab, um ihn zurück in die Reha zu bringen, er saß mit seinen Geschwistern vor der Haustür in der Sonne und rauchte. Zwei Dinge fielen mir auf:

Erstens: Er konnte die Zigarette nicht abklopfen. Der rechte Zeigefinger gekrümmt, geschwollen, unbeweglich, die ganze linke Hand nicht zu gebrauchen. Also schnippte nach ein paar Zügen jeweils seine Freundin die Asche für ihn ab.

Zweitens: Ich sah ihn noch nie rauchen. Ich wusste, dass er zum Raucher geworden war, schon vor dem Unfall, aber da saß er nun mit der Zigarette und ich sah ihn so zum ersten Mal.

Was ganz Blödes fiel mir ein. Wie ich vor Jahren mit meiner Tochter auf der Terrasse saß und wir eine Zigarette miteinander rauchten – auch sie sah ich damals so zum ersten Mal – und dass mir war, als gehöre sie nun etwas mehr zu den Erwachsenen.

Ich meine: deshalb macht man’s ja. Man raucht, um erwachsener daher zu kommen, und jeder Erwachsene versucht davor zu warnen und lässt nichts Gutes daran gelten, ich am Allerwenigsten. Mein eigenes Beispiel sollte genügen als Warnung, man kommt so schwer davon los und es ist so unnötig. Aber anstatt zu protestieren, machte es gestern „plopp“ bei mir und ich dachte: Jetzt ist er erwachsen geworden. Wie bescheuert ist das? Nicht als er anfing zu arbeiten, nicht als er den Führerschein machte, nicht als er kämpfte wie niemand von uns zuvor, um gesund zu werden. Nein. Als er eine Zigarette in der Hand hielt.

Ich führe diese Entgleisung auf angegriffene Nerven zurück. Es kommt zu Fehleinschätzungen. Seltsamerweise brauche ich in letzter Zeit mehr Beruhigungsmittelchen als in den Wochen direkt nach dem Unglück, dabei geht es ihm immer besser. Nur mir irgendwie nicht.

Jedenfalls bezog er heute ein neues Zimmer, er ist jetzt auf der Aktiv-Station. Nicht mehr bei den Schwerbehinderten. Er mag seinen neuen Zimmernachbarn und es wird ihm so hoffentlich leichter fallen, wenn sein Freund diese Woche nach Hause entlassen wird.

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