Entwicklungen

Wie oft haben wir telefoniert in den letzten Wochen, ich kanns gar nicht schätzen! Er hat sich einsam gefühlt oder litt unter Langeweile und ein kleines bisschen, dachte ich, griff er bestimmt auch deshalb zum Telefon, weil er gern mit mir redet. Weil ich so eine tolle Mutter bin. Mein Kind ruft an und ich weiß, wie es ihm geht, ein liebevolles, herzliches Verhältnis haben wir. Gut hingekriegt, dachte ich.

Wenn man darüber nachdenkt, könnte man das Leben eines Schwerkranken mit der Kleinkindphase vergleichen. Ein Zweijähriger ist ganz und gar auf die Eltern angewiesen, es braucht den engen Kontakt. Ein Zwanzigjähriger, der bei einem Verkehrsunfall halb tot gefahren wird, auch.

Das Kind wird größer und es braucht die Eltern für wechselnde Bedürfnisse. Am Krankenbett konnten wir zunächst nur seine Hand halten, da sein. Dann musste er wegen des Durcheinanders in seinem Kopf beruhigt werden, später getröstet, dann unterhalten, viele Maultaschen wurden gebraten und mitgebracht, zusammen mit Bildern, Karten, Wäsche, Socken, T-Shirts, Büchern, Getränken, die Süßigkeiten nahmen wir wieder mit. Die wollte er nicht. Im Rollstuhl brachten wir ihn an den Rhein, klatschten Beifall, als er mit dem Rollator gehen lernte, wir haben viel mit ihm telefoniert.

Die letzte Phase eines Kindes vor dem Erwachsenwerden ist bekanntlich die Pubertät. Da werden die eigenen Freunde wichtig und die Eltern haben ihre Schuldigkeit getan. Die Eltern können gehen. Seit sein Freund aus der Reha entlassen wurde, hat er andere junge Menschen kennen gelernt. Nicht einfach in einer neurologischen Klinik, aber auch dort gibt es Mädchen und Jungs, mit denen er über Bob Marley oder die Simpsons reden oder Spaß beim Pizza-Essen haben kann. Er hat sie gefunden, seit einer Weile schon erzählt er von ihnen.

Und jetzt ruft er nicht mehr an. Er ruft auch nicht zurück, in dieser Woche habe ich kein einziges Mal mit ihm gesprochen. Als gelernte Mutter weiß ich natürlich, dass es ihm also besser geht als vorher. Trotzdem. Trotzdem wär’s nett, wenn er wenigstens… also, ich meine … die Mütter unter den Lesern wissen, was ich meine.

Ein Gedanke zu „Entwicklungen

  1. Karin

    Hallo,
    hab´ mich richtig amüsiert über deinen Bericht – versuche auch immer wieder mit Marco Kontakt aufzunehmen – aber da kommst nichts … einfach gar nichts zurück!! Jetzt ist mir schon klar warum!!!
    Schön, dass es ihm wieder so gut geht – ein Wunder!
    Karin

    Gefällt mir

    Antwort

Das Absenden eines Kommentars gilt als Einverständnis dafür, dass Name, E-Mail- und IP-Adresse durch WordPress bzw. Gravatar gespeichert und verarbeitet werden. Dies dient der Nachverfolgbarkeit bei Missbrauch und Spam. Lasst euch trotzdem nicht abhalten, ich freue mich auf eure Meinungen! :-)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.