Schlüsselerlebnis

Sie helfen schon, die Tablettchen. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich heute Nacht nicht in Tränen ausbrach, als wir nach einem netten Abend mit Bekannten vor der verschlossenen Wohnungstür standen und nicht hinein konnten. Der Zweitschlüssel steckte von innen, ich hatte vergessen ihn abzuziehn, und nun konnten wir abschrauben und herumdrehen, was wir wollten, die Tür blieb zu. Schließlich wussten wir uns nicht anders zu helfen, als das Türfenster einzuschlagen. Nachts um eins. Ich zitterte und hielt mir die Ohren zu, so dröhnte es durchs Treppenhaus. Nachbarn wurden wach, Hunde kläfften, und die Glasscheibe brach nicht.

 Wir setzten uns auf die kalte Steintreppe und überlegten müde, was wir tun könnten. Unsere Mobiltelefone lagen beide in der Wohnung. Es blieb uns nichts übrig, als zu meiner Tochter zu fahren, die bei ihrem Freund übernachtete. Im Nachtzeug und mit wirrem Haar stand sie erschrocken in der Tür, als wir sie aus dem Bett geklingelt hatten. Wir traten in die kleine Wohnung, setzten uns auf das zerwühlte Bett und suchten aufgeregt nach Telefonnummern von Not-Schlüsseldiensten im Internet.

Dann fuhren wir zurück und warteten bzw. dösten im Auto über eine Stunde lang. Die Straße war völlig verlassen, nur einmal alberten ein paar junge Leute bei laufendem Motor ihres Wagens herum, sonst war es still. Die Straßenbeleuchtung schien ins Auto, ich konnte nicht schlafen. Um drei Uhr etwa kam der Mann endlich. Bis er die Tür offen hatte, dauerte es noch einmal eine halbe Stunde. „Neue Türen öffne ich in einer Minute,“ meinte er, „aber alte wie diese hier – Mann, die sind stabil!“ Ich zahlte 320 EUR.

Erschöpft und doch aufgewühlt lagen wir um kurz nach vier im Bett und ich dachte daran, wie wir in der Nacht zum 1. Juni etwa um dieselbe Zeit ins Bett gefallen waren. Da waren wir aus der Klinik in Ulm zurück gekehrt, wo mein schwer verletztes Kind lag. Was ist dagegen eine halbe Nacht ausgesperrt sein, dachte ich. Was sind 320 EUR? Es ist nichts. Einfach gar nichts.

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