Standpunkte

Ich stelle mir vor, dass jeder Mensch in einem Raum lebt, in den er hineingeboren oder hineingezogen wurde und den er nicht sieht, wohl aber spürt. Es ist ein heiterer Ort, gesegnet mit tiefer Zufriedenheit, denn hier wohnt jemand im Vertrauen, dass das Leben es gut mit ihm meint. Es gibt vielleicht eine gefestigte Partnerschaft, Kinder auf gutem Weg, Freunde, ein sicheres Einkommen, Arbeit, die Spaß macht, sinnvolle Aufgaben, eine helle Wohnung. Selten wird alles auf einmal zu finden sein, doch etwas davon ist bei den meisten dabei, oder etwas anderes, das gut ist. Ein Mensch lässt sich hier am Abend in einen weichen Sessel fallen, und wenn der Tag an ihm vorbei zieht, spielt ein Lächeln um seinen Mund.

In der Mitte teilt eine Trennwand den Raum. Dahinter sieht es anders aus, denn Ansprüche an Menschen und Gegebenheiten lassen den eben noch lächelnden Mund zu einem dünnen Strich werden, Angst lauert in den Ritzen: nicht genug zu haben, nicht genug zu sein. Angst vor dem Vorgesetzten, vor Krankheit, Not und Einsamkeit. Dämonen strecken ihre zitternden dürren Finger aus und versuchen, das fröhliche Geschöpf im anderen Teil des Raumes zu packen und über die Abgrenzung zu zerren. Die Sorge um ein krankes Kind zum Beispiel kann dort viel Raum einnehmen. Doch aufgepasst! Wird das Kind gesund und wir verharren auf der Stelle, nimmt nun vielleicht eine finanzielle Klemme seinen Platz ein. In der Ecke hocken nämlich zahlreiche kleine Teufel und warten, bis sie an der Reihe sind und groß werden dürfen. Mit ihnen schlägt man sich mitunter so verbissen herum, dass man vergisst daran zu denken, was sich hinter der Trennwand verbirgt. Man richtet sich ein in der Düsternis. Sie wird vertraut.

Wofür entscheiden wir uns? In welchem Raum leben wir? Gehört es unabänderlich zu einem Menschen, wo er sich aufhält? Einmal traf ich nach langer Zeit eine Frau, mit der ich zur Schule gegangen war. Sie erzählte, dass eins ihrer Kinder gestorben war, was zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre her gewesen war. Auf mich wirkte sie so, wie ich sie in Erinnerung hatte: Eine lebensbejahender Mensch, der Schmerzliches nicht zu mächtig werden lässt. Sie hatte sich nicht verändert. Untersuchungen zeigen, dass nach einem schweren Schicksalsschlag oder auch nach einem Lottogewinn die Betroffenen oft nach einem Jahr etwa wieder so glücklich oder unglücklich sind wie zuvor.

Ich frage mich weniger, wie wir hinein gekommen sind in die hellen oder dunklen Räume. Dagegen wüsste ich gern, ob wir an diesem Standpunkt etwas ändern können. Vielleicht erinnern wir uns durch immer wieder neues Bewusstmachen, dass es das Andere auch gibt. Das Gute, das bei der Gesundheit anfängt und weiter geht mit dem Dach über dem Kopf, genug zu essen, Sicherheit und vor allem mit den Menschen, die wir lieben und die uns lieben. Andersherum: Schwierigkeiten können wir nicht lösen, indem wir uns davor ducken und wegsehen. Das Einräumen dessen, was ansteht und erledigt werden muss, auch wenn es nicht angenehm ist, gehört ebenfalls zum Wohlergehen im Gleichgewicht. Wo auch immer wir stehen, weil Erlebtes oder unsere Prägungen uns dorthin gebracht haben: Den Blick über die Trennwand sollten wir nicht vergessen, und wer von Angst gefangen ist, kann den Ausgang finden. Wenn es sein muss: immer wieder.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s