Garam Masala

Ich überlegte noch, ob es eine gute Idee war, weinduselig beim Rosenverkäufer Essen zu bestellen. Absagen ging aber nicht, er besitzt ja kein Telefon. Ihn mit dem Essen sitzen zu lassen, ging auch nicht, also machten wir uns wie verabredet am Sonntagabend auf den Weg. Die Adresse: Nicht die beste.  Einer der Orte, wo man sich als Deutscher – ob man es will oder nicht –  fühlt wie ein Gutsherr, der die Hütte des Knechts mit Glanz erfüllt. Ein riesiges Mietshaus also mit wenigen deutschen Namen an den Türklingeln.

Unten auf der Straße wartete er, lächelnd wie immer bat uns der Rosenverkäufer ins Haus. Ich weiß, ich bin zu deutsch, aber kann man es abstellen? Jedenfalls fiel mir sofort auf, dass das Treppenhaus gekehrt war. Ein paar Pflanzen standen ordentlich vor einer Wand aus Glassteinen, wir folgten dem Pakistani in den vierten Stock. Wenig Möbel standen in der kleinen Wohnung, und (vergebt mir): es war ordentlich. Die Küche gebraucht, aber sauber, ich sah es mit Erleichterung.

Sogleich begann der Rosenverkäufer damit, Schubladen und Schränke zu öffnen (alles aufgeräumt innen) und Gewürze herbeizutragen, die sich in ausgedienten Kaffee- und Marmeladengläsern befanden. Jedes einzelne hielt er uns vor die Nase, nur wenige kannte ich: Kardamom, Kreuzkümmel, Kurkuma, Ingwer, Chili, Knoblauch, vielerlei Samen und Pulver, Masala. In grausigem Deutsch beschrieb er sie einzeln und gesund sei alles, das vor allem, aber auch sehr gut. Es duftete wie in einer Parfümerie.

Dann sahen wir ihn. „Unseren Topf“. Groß, schwarz, und – als er den Deckel anhob – voller Hühnerbeine. Meine Tochter ist Vegetarierin geworden, weil sie es den Tieren nicht antun kann. Einen Moment lang wollte ich ebenfalls nicht, dass diese Geschöpfen unseretwegen zerhackt in einer hellen Sauce schwammen. Aber dann stieg ein Aroma von ihnen auf, dass ich entschied: Wir bleiben Fleisch-Esser.

Der Reis war gemischt mit Gemüse, herrlichen Gewürzen und einem Holzstückchen, das der Rosenverkäufer heraus stocherte und an dem er uns riechen ließ. Wie Sandelholz. Oder Zimt? Wir bewunderten den Duft und er legte es lachend zurück. Ob wir Kaffee wollen, oder etwas zu trinken? Und nein, Geld nehme er nicht. Es sei das erste Mal, lieber koche er wieder einmal für uns. Zehn Euro ließ ich liegen, heimlich, viel zu wenig bestimmt. In Joghurt-Eimern trugen wir das Köstliche zusammen ins Auto.

Indisches Essen ist in England verbreitet, mein Liebster kennt es. Ich selbst besuchte gelegentlich indische Restaurants in Deutschland, aber was hier auf den Tellern dampfte, war etwas anderes. Das Curry nahm mich mit ins Labyrinth indischer Gassen mit Händlern, exotischen Düften, Farben, Blütengirlanden. Scharf schmeckte es, fremd, und wundervoll. Ich schämte mich ein wenig wegen meiner Vorurteile und weil ich selbst so viel Gastfreundschaft vielleicht nicht zustande brächte. Auf alle Fälle war es eine besondere Mahlzeit, und mit jedem Bissen drang ich tiefer in die Welt von Gewürzen und Miteinander.

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Garam Masala

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6 Gedanken zu „Garam Masala

  1. Anhora Autor

    @Marissa: Klar kocht er auch vegetarisch, sobald du wieder da bist gibts eine Kostprobe. 🙂

    @Karin: Ich glaub er kocht für alle, die sich an seinem Essen freuen! Wenn du es probieren willst, gib mir Bescheid, denn Bestellen ist nicht ganz einfach. Man muss ihn halt am Freitagabend auf seiner Tour in den Kneipen erwischen.

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  2. Karin

    Hallo,

    kocht er auch für andere? Klingt ja wahnsinnig aufregend… und wo ist diese dunkle Gegend mit fast nur ausländischen Namensschildern???

    Grüße Karin

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  3. Marissa

    und… hat’s denn auch geschmeckt?
    mit den zerhackten Hühnerbeinen und den ungewöhnlichen gewürzen..? 😉
    vielleicht kocht er das nächste mal ja vegetarisch, dann ess ich mit!

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      1. Tom

        Gekehrte Treppenhäuser sagen mir, dass irgendein Blockwart die Leute zum kehren zwingt. Oder dass ein Hausmeister kehrt. Was findest daran interessant?

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