Ins Ungewisse

Mit all dem Metall im Körper hätte der Flughafendetektor Funken sprühen müssen. Aber mein Sohn ging durchs Tor und es kam kein Piep. In Ruhe steckte er seine Geldbörse wieder ein, die in einer Wanne zusammen mit anderem Zeug durchleuchtet worden war. Er nahm seine Sachen wieder an sich, schnallte den Gürtel um und schaute zu uns. Ich streckte den Daumen nach oben und er winkte scheu, lud seinen Rucksack über die Schulter und verschwand. Na Bravo, dachte ich. Wenn ein Terrorist erfährt, dass die Detektoren an diesem Flughafen heute falsch oder gar nicht eingestellt sind, kann er mit einem Gewehr an Bord gelangen.

Die Maschine wurde dann doch nicht entführt, Gott sei Dank. Knapp eineinhalb Stunden später landete sie in London und der Junge schaffte es mit Taxi und Zug nach Brighton, wo er die nächsten drei Monate leben wird. Dieses Abenteuer war lange sein Traum. Er war ausgelöscht worden vor einem Jahr, als dieser Audi in den Alpha fuhr, in dem mein Sohn als Beifahrer saß. Danach konnte er sich monatelang nicht einmal erinnern, einen Traum je gehabt zu haben. Wichtig war da nur, dass er lebte. Dass die Hirnblutungen abheilten und zahllose Nägel und Platten ihn so zusammenhielten, dass er eines Tages aus dem Rollstuhl wieder aufstehen konnte. Aber irgendwann, als Operationen und Rehabilitation hinter ihm lagen, kam er zurück: Der Wunsch, Neues kennen zu lernen, ein anderes Land, England. Da fing er an zu planen.

Wir telefonierten heute kurz mit der Familie, in der er untergebracht sein wird während des Sprachkurses. Es beruhigt mich zu wissen, dass diese Leute wirklich existieren und er in Sicherheit ist. Ich weiß, es klingt blöd, der Junge ist 21 und er findet sich zurecht. Auch seine Geschwister haben Auslandsaufenthalte hinter sich und in Gefahr ist man zu Hause sowieso nicht weniger. Trotzdem. Ihn gehen zu lassen ins Ungewisse, war schwer. Ich habe das Vertrauen nicht mehr, dass immer alles gut geht. Manchmal geht es auch schief, wie wir jetzt wissen,  und ich  kann ich nur beten, ganz fest, dass keinem der Kinder je wieder etwas zustoßen wird.

5 Gedanken zu „Ins Ungewisse

  1. rafMovefrok

    Just want to say what a great blog you got here!
    I’ve been around for quite a lot of time, but finally decided to show my appreciation of your work!

    Thumbs up, and keep it going!

    Cheers
    Christian

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  2. Bredenberg

    Du freust Dich über neue Leser? Ich bin auch ein Neuer, auch wenn ich mich nicht oft mit einem Kommentar melde. Bin eigentlich auch kein richtiger Blogger.

    In diesem Sinne

    Bredenberg

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    1. Anhora Autor

      Hallo Bredenberg,

      schön dass du dich meldest! 🙂
      Ob Blogger oder nicht – wer auf einer Website regelmäßig Beiträge veröffentlicht, ist schon einer, oder? Egal. Ich freu mich über deinen Kommentar. Bei der Gelegenheit: Deine Geschichte „Der Verlust“ ist fast so gut wie „Herr Schnitter“ (was für ein genialer Schluss!), ich hoffe das alles entspringt deiner Phantasie und du hast nichts Derartiges zu verarbeiten. 😉

      Herzliche Grüße
      Anhora

      Wen’s interessiert: Textecke
      „Das Wartezimmer“ kann ich auch empfehlen!

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  3. Anhora Autor

    Ja das ist eben das Schwere: Die Kinder loszulassen, obwohl wir sie beschützen wollen. Als ob wir es könnten …

    Danke für deinen Besuch hier, auch ich freu mich über neue Leser!

    Anhora

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  4. Ellen Hoffmann

    Wir können hoffen und beten und wünschen. Mehr leider nicht. Passieren kann überall was, sogar zuhause. Den Kinder trotz unserer Angst ihren Freiraum und ihr Leben zu geben, ist so wichtig. Nur so „behalten“ wir sie auch.
    Alles Liebe
    Ellen

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    Antwort

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