Diese Schmerzen!

Ich betrachte meine Hände auf der Bettdecke, die Finger scheinen in kürzlich erfolgter Operation nachträglich aufgesteckt worden zu sein. Dick und steif sitzen die Glieder aufeinander, und wenn ich sie zur Faust einziehen will, wimmert jedes einzelne Gelenk. Drehe ich die Handteller nach oben, maulen meine Unterarme über braune und bläuliche Flecken, aufgeschürfte Haut und kleine Schnitte. Ich dehne meinen Oberkörper und da geraten die Muskeln in Schultern und Rücken in  Aufruhr: es stecken Messer drin, heulen sie, beweg dich nicht! Doch ich will aus dem Bett kommen und erhebe mich halb – nun sind es unterer Rücken, Gesäß und Oberschenkel, die um Einhalt flehen und mich stöhnend zurücksinken lassen. Um es auf einen Nenner zu bringen: Wie sind gestern umgezogen. Meine Mutter lebt nun in der hübschen Wohnung einer Seniorenanlage.

Zum ersten Mal lasse ich den Gedanken zu, dass ich nicht mehr so kraftvoll bin. Bei meinem eigenen Umzug vor drei Jahren jagte ich noch Treppen auf und ab wie ein wildgewordenes Pferd, und es waren damals mehr Möbel zu versetzen. Gestern fühlte ich mich im Lauf des Tages, als zerfalle ich, und heute bin ich nurmehr ein Restbestand. Um ehrlich zu sein: Auch bei meinen Jogging-Runden wähle ich seit längerem Abkürzungen, weil es anstrengend geworden ist. Ob dies von der Operation an den Füßen im letzten Jahr rührt oder ob der Schock wegen meines verunglückten Sohns etwas damit zu tun hat – ich weiß es nicht. Vielleicht klopft einfach mein Alter an. Man wächst, entwickelt sich und ergraut ja nicht gleichbleibend jeden Tag ein bisschen. Oft passiert lange Zeit nichts, doch dann kommt ein Ruck und man wird ein Stück weitergeworfen, in welche Richtung auch immer. Nichts bleibt, wie es ist.

4 Gedanken zu „Diese Schmerzen!

  1. Anhora Autor

    So habe ich es noch nicht gesehn, aber ich gebe dir Recht. Im Internet wird viel gesagt, viel mehr, als gedacht wird. Kommentare schaffen Raum zur Selbstdarstellung, und daran ist natürlich nichts Falsches. Wir haben harte Arbeitstage hinter uns, Frust, Ärger und Druck. Wenn wir abends nach Hause kommen, kann ein bisschen Selbstbeweihräucherung im Internet guttun, ich nehm mich da gar nicht aus. Wenn mir ein – wie ich mir einbilde – guter Gedanke gelungen ist, ob im eigenen Beitrag oder einem Kommentar – dann freu ich mich dran. Aber ich verstehe deinen Ansatz vollkommen und es wird mich bestimmt nicht davon abhalten, deine Texte zu lesen. Dazu sind sie viel zu gut!

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  2. Bredenberg

    Selbstverständlich gibt es zu jedem Text im Internet immer etwas zu sagen und zu schreiben. Kein Text wird so gelesen, wie er geschrieben wurde. Jeder Leser nimmt seine Interpretationen vor. Das ist sein gutes Recht. Er kann auch nicht anders.

    Jeder Schreiber schreibt mit seinen Intentionen. Auch er kann nicht anders. Der Austausch der Positionen ist möglich, nach meinen Erfahrungen aber oft missverständlich. Vor allem aber ist er zeitraubend und endet oft im Austausch von Eitelkeiten und Rechthabereien.

    Gerade habe ich einen Thread über den Abgang des Bundespräsidenten verfolgt. Nach wenigen Beiträgen ging es darum, ob der Ausdruck „Negerkinder“ rassistisch ist, als Wort rassistisch ist oder nur im Zusammenhang rassistisch ist, ob das Wort den Zusammenhang rassistisch macht, oder aber der Zusammenhang dieses Wort weniger rassistisch macht usw. usw. usw.

    Meine Texte eignen sich ebenfalls hervorragend dazu, Missverständnisse zu produzieren. Ich will das nicht befördern. Wer meine Texte gerne liest, kommt wieder, wer nicht, bleibt weg. In meinem Alter geht es nicht mehr um die Klickraten oder um Anerkennung und Belobigung, allerdings auch nicht um Belehrung und Kritik.

    Ich betreibe die Texterei als Hobby, ohne Ambitionen. Ich freue mich über Leser, auch über viele.

    Wer in meinen Garten kommt, kann gerne bleibe, wenn es ihm gefällt, wegbleiben, wenn es ihm nicht gefällt. Ich muss nicht mehr hören, dass man diesen Garten auch anders hätte gestalten können.

    Diese Grundhaltung hat auch etwas mit meinem Alter zu tun. Früher war ich eitler, rechthaberischer und unduldsamer. Ist vorbei. Schön!

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  3. Anhora Autor

    Ich lehne das Älterwerden nicht ab, bis jetzt brachte es mir mehr Vor- als Nachteile. Aber dass ich am Wochenende so an meine Grenzen kam – damit hatte ich nicht gerechnet. Es bahnt sich wohl eine neue Wirklichkeit an!

    Schade, dass man auf deinem Blog keine Kommentare schreiben kann. Zu sf6 gäbe es sicher das eine oder andere zu sagen. Wirklichkeit ist nicht nur das, was geschieht und was im Vorfeld dazu (frei oder gesteuert) gedacht wird. Zur Wirklichkeit gehört auch das, was gerade empfunden wird, etwa wenn der eine Schachspieler am Verlieren und der andere am Gewinnen ist.

    Oder wenn ich für andere erscheine wie immer, obwohl ich in Wirklichkeit gerade 510 Jahre alt wurde wie im Moment. Auf einmal ist da eine Null dazu gekommen…

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  4. Bredenberg

    Ich habe das Alter vor längerer Zeit freundlich eingelassen. Schließlich hat es auch sehr zaghaft und freundlich geklopft. Bislang vertragen wir uns gut in derselben Haut …

    …schreibt Bredenberg (64)

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