Das Reflexionsgesetz einer Frau

Es gibt gute Spiegel und es gibt schlechte Spiegel, die meisten Frauen wissen das. Ich auch. Der Standspiegel im Flur zum Beispiel ist gut. Schlank wie eine Tanne bildet er mich ab, und im Vorbeigehen erhasche ich darin gern einen flüchtigen Blick von mir. Ja. Gut seh ich aus.

Anders ist die Sache bzw. mein Abbild im Schlafzimmer. Steht dort die verspiegelte Schranktür offen und ich nähere mich unvorbereitet vom Gang, erschrecke ich manchmal. Nicht nur, weil sich dort auf einmal etwas bewegt. Der Anblick meiner Gestalt löst auch derartige Skepsis aus, dass ich zum Stehen komme wie ein Automat mit leer gewordener Batterie. Bin das wirklich ich? Es ist niemand sonst in der Nähe, also bin ich es. Aber die Oberschenkel? So stramm? Vielleicht bin ich es doch nicht.

Am größten aber ist die Bestürzung vor der Glastür zum Eingang der Firma. Die akzeptiere ich nicht. Mit dem Glas ist etwas nicht in Ordnung. Zerrglas wahrscheinlich, daraus macht man Spiegel, wie man sie früher auf der Kirmes sah und sich kaputtlachte beim Anblick der reflektierten Deformationen. Ich lache nicht. Am liebsten würd ich meine Kolleginnen fragen, wie die sich sehen. In der Tür, meine ich. Aber was, wenn sie antworten: „Ganz normal, wieso fragst du?“ Dann würd ich sagen müssen: „Weil ich darin aussehe wie eine aufgequollene Dampfnudel,“ und den verzweifelten Schluss ziehen: So sehe ich aus. Alles andere war Selbstbetrug.

Nein.

Lieber  blicke ich in den Spiegel im Flur. Bleistiftdünn tauche ich darin auf, was ja nun auch nicht ganz der Wahrheit entspricht, ich werf mir trotzdem ein Lächeln zu. Denn dieses Blitzen in den Augen ist es, was wirklich zählt. Männer, die beim visuellen Abtasten bis dahin nicht kommen, haben sowieso verloren. Bei mir jedenfalls.

3 Gedanken zu „Das Reflexionsgesetz einer Frau

  1. Marissa

    Ich sag nur soviel: auch ich gefall mir in keinem Spiegel so gut wie in deinem Flurspiegel. 🙂
    Der ist irgendwie magisch. Oder einfach ein netter Spiegel. Oder (und das ist meine Lieblingslösung): er ist einfach der einzige Spiegel, der funktioniert. Punkt.

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    Antwort

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