Heiligabend

Ich sitze in der Kirchenbank und weiß nicht wohin mit meinen Gedanken. Es ist schwer anzudocken dort, wo ich bin und an dem, was ansteht: Weihnachten. „Du hast Schuld auf dich geladen,“ verkündet die Stimme des Priesters, „komm zu dem, der deine Schuld wegnimmt!“ Das kann ich nicht brauchen. Nie sind wir gut genug. Immerzu muss vergeben werden. Das hab ich jeden Tag bei der Arbeit.

Mein Herz pocht jetzt eingeklemmt gegen die Enge. Ich versuche die Atmung zu regulieren. Muskeln entspannen, sage ich mir. Nicht weinen. Es gibt keinen Grund. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf die Menschen neben mir: Der Liebste blättert im Liederbuch, die Kinder wispern sich Dinge zu und lachen leise. Alle am Leben, denke ich. Alle auf ihren Wegen, vielversprechende. Jetzt rollen Tränen über mein Gesicht. Nicht weil der Tod so nah war bei einem von ihnen, sondern weil er so nah ist bei jedem von uns.

„Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund,“ bittet die Gemeinschaft jetzt. Diesen Satz hab ich immer gemocht, und das Wort wird gesprochen. Heute jedenfalls. Meine Seele fühlt sich allmählich warm an, sie löst sich aus der Verkapselung, holt Luft. Mein Atem wird ruhiger. Ich spreche Gebete mit den andern und singe Lieder zu Weihnachten. Gott schütze uns.

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2 Gedanken zu „Heiligabend

  1. Bredenberg

    Ich habe hier etwas für dich:

    Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. + Stehe soweit ohne Selbstaufgabe möglich in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. + Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte. + Meide laute und agressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. + Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du bitter werden und dir nichtig vorkommen; denn immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als du. + Freue dich deiner eigenen Leistungen wie auch deiner Pläne. + Bleibe weiter an deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden auch immer. Sie ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. + In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lass Vorsicht walten; denn die Welt ist voller Betrug. + Aber dies soll dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. + Viele Menschen ringen um hohe Ideale; und überall ist das Leben voller Heldentum. + Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung. + Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft; denn auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie das Gras. + Ertrage freundlich-gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. + Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige dich nicht mit Einbildungen. + Viele Befürchtungen sind Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. + Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu dir selbst. + Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und Sterne; du hast ein Recht hier zu sein. + Und ob es dir nun bewusst ist oder nicht: Zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen. + Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du auch von ihm hast und was immer dein Mühen und Sehnen ist. + In der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte dir deinen Frieden mit deiner Seele. + Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön. + Sei vorsichtig. + Strebe danach, glücklich zu sein.
    (aus der alten St.Paul’s Kirche, Baltimore, von 1692)

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  2. Anhora Autor

    Da wird viel Weisheit gesprochen. Offenbar haben sich die Menschen nicht verändert in den letzten 300 Jahren, damals wie heute ist also für jeden etwas dabei. „Meide laute und agressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist“ und „Viele Befürchtungen sind Folge von Erschöpfung“ sind für mich die zentralen Sätze ind diesem Text. Danke!

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