Der tägliche Ausflug

„Komm doch, die Maus geht jetzt schlafen.“ Eine alte Dame beugt sich über die Hecke, die einen winzigen Vorgarten eingrenzt.  Darin, hinter dürren Sträuchern,  hebt ein Kater den Blick.  Mit feiner Stimme ruft sie noch einmal: „Komm, Peterle!“ Das sorgfältig frisierte Haar klebt an ihrem Kopf wie ein Helm. Steif verharrt sie an ihrem Platz und lässt den Blick nicht von dem Tier. Sie sieht mich nicht. Seit Jahren leben wir Haus an Haus, und doch grüßt sie nur wenn sie muss. Lieber schaut sie weg, als würde sie nicht gesehen, wenn sie nicht sieht. Wenn es jedoch gelingt, ihren Blick zu streifen, dann huscht ein Lächeln in ihr Gesicht, ein schüchternes, wie das eines Mädchens vor siebzig Jahren vielleicht. Sie fängt es gleich wieder ein, als könnte sie sich verraten, und blickt ernst geradeaus.

Der Kater hebt seinen dicken Bauch, streicht langsam die Mauer des Hauses entlang. Sie folgt ihm an der Hecke bis zur Gartentür. „Gell, Peterle, die Maus schläft jetzt auch.“ Dann verschwinden sie in die Wohnung.

11 Gedanken zu „Der tägliche Ausflug

  1. Photo-Art by ThomasWoischnig

    Schöne Alltagsgeschichten erzählst du hier richtig Gut! gefällt mir sehr gut werde mal auf deiner Seite bleiben, bin nämlich eine lese-faule Eule, aber das interessiert mich. Lg Sagar Ps. du hast da eine Geschichte von Indien und Ganesha den ich als Tattoo auf dem linken Arm habe, aber mit der Verachtung der Frauen brauchen wir nur vor die Haustür zu schauen oder beim Nachbarn oder ins eigene Mörderherz . Erläuterung dazu wir lehnen alle irgendwo ins selbst die Frau oder den Mann ab und so lange das so ist werden wir nie Frieden auf der Erde haben.

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    1. Anhora Autor

      Hey, ich freu mich dass du nun doch noch das eine oder andere gefunden hast, was dich interessiert! Da ich selbst auch lesefaul bin, versuche ich auch i.d.R., die Beiträge kurz zu halten. 😉
      Was die Stellung der Frau betrifft hast du Recht. Und wahrscheinlich weiß man in allen Religionen, dass für die Frauen andere Zeiten angebrochen sind, aber bis die alten Zöpfe komplett abgeschnitten bzw. aus den Köpfen verschwunden sind, dauert es wohl noch ein bisschen …

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  2. Renate

    Ob die Maus das Mädchen ist? Das, genau wie die Katze, nie an die Freiheit durfte? Welche schöntrauriggeheimnisvolle Geschichte verbirgt sich hinter der unnahbaren Dame wohl…

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    1. Anhora Autor

      Das ist ein schöner Gedanke. Ja, sie redet dem Kater zu, dass die Maus schläft, und vielleicht versucht sie auch sich selbst davon zu überzeugen, dass jemand in ihr nicht wach werden darf.

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  3. Anhora Autor

    Das Leben des Katers findet wie das seines Frauchens in einer Wohnung und einem kleinen Vorgarten statt. Ich hab noch nie eine Katze gesehn, die das mit sich machen lässt. Aber er ist auch sehr damit beschäftigt, sein enormes Gewicht voranzubringen. Das Augenrollen hat er, glaube ich, schon hinter sich.

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