Frühlingsflört

Wir sitzen in einem kleinen Cafe in der Fußgängerzone, einer der ersten warmen Frühlingsnachmittage. Menschen bummeln vorbei, strecken ihr Gesicht in die Sonne, wollen mehr abbekommen.

Nicht weit von uns hockt eine Punkerin auf dem Boden. Immer wieder beugt ein Passant sich zu ihr nieder und will Geld in den Plastikbecher werfen. Sie aber streckt jedes Mal rasch ihre Hand aus, nimmt die Münzen selbst in Empfang, eine kurze Berührung, sie spricht mit den heute spendablen Menschen und schenkt ihnen ein hinreißendes Lächeln.

Von der andern Seite nähert sich ein Mann, groß, kräftig, vielleicht um die Fünfzig. Er schiebt ein Fahrrad durch die Menschen, es ist mit Plakaten und Tafeln so voll dekoriert, dass er nicht mehr darauf sitzen kann. Vernehmlich und mit einem Leuchten im Gesicht singt er von Jesus und unserer himmlischen Rettung. Mit nach oben gerichtetem Blick schlendert an uns vorbei, braun gebrannt wie ein Gärtner, und verteilt Flyer.

Gegenüber an der Häuserecke wartet eine alte Dame. Elegant gekleidet ganz in Weiß wie die Frau aus der Raffaelo-Werbung steht sie da und es kommt niemand. Mit grell geschminkten Lippen zieht sie an einer Zigarette und wundert sich vielleicht einmal mehr, dass kein Mann um ihre Aufmerksamkeit wirbt. Sie ist zu schön für all die Dutzendgesichter, mag sie sich heute denken. Der Besondere, der, für den sie sich seit langem bewahrt und für den sie sich zurecht macht, falls er ihr begegnen sollte, muss heute wohl arbeiten.

Ich rühre meinen Kaffee um und blinzle zum Liebsten, der nicht müde wird, mir all diese Sonderlinge zu schildern, als wäre ich blind.

Wie grau wäre unser Leben ohne Frühlingstage, wie leer ohne diese Menschen?

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7 Gedanken zu „Frühlingsflört

  1. Hausfrau Hanna

    Sonderlinge, die in der Gleichförmigkeit unseres Alltags auffallen,
    liebe Anhora,
    mag ich.
    Aber im Moment mag ich es besonders, dass es wieder einmal…

    …regnet 🙂 🙂 🙂

    Ganz herzlich Hausfrau Hanna

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  2. Sofasophia

    frühling! i like this text …
    „Ich rühre meinen Kaffee um und blinzle zum Liebsten, der nicht müde wird, mir all diese Sonderlinge zu schildern als wäre ich blind.“ wunderbar!

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    1. Anhora Autor

      Findest du es nicht sonderlich, wenn jemand singend durch die Fußgängerzone spaziert? Ich wünsch mir genau diese Menschen. Sie machen das Leben bunt.

      Einen schönen Blog hast du übrigens, ganz neu … Ich wünsch dir und uns viel Spaß damit!

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  3. wholelottarosie

    Wie schön es ist, dass man nun wieder in den Straßencafes sitzen, die warmen Sonnenstrahlen genießen und die Umgebung beobachten kann! Und wie schön ist es, wenn man ab und zu ganz besonderen Menschen begegnet.
    LG von Rosie

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