Na Zdorowje!

Man kann nicht schnell genug den Teller wegziehen oder die Hand übers Glas halten, schon wird wieder nachgereicht: Kaffee, Kuchen, Salate, Grillfleisch, Wein, Vodka. Wir sitzen eng zusammengedrängt an einem Tisch mit Gästen aus Russland, Weißrussland, Litauen, ein paar Deutsche sind auch da. Jemand langt in eine der Schüsseln und holt etwas farbenfroh Aufgeschichtetes aus roter Bete und Hering heraus. Es landet auf meinem Teller, und mein Weinglas ist schon wieder voll. Na Zdorowje!

Die russische Gastgeberin – sie besucht denselben Sprachkurs wie der geliebte Brite und hat heute Geburtstag –  erscheint im beigefarbenen Etui-Kleid über schwarzen Leggings, die blonden Haare elegant nach hinten gesteckt. Sie ruft und lacht und fegt vom Einen zum Andern. Eine unspektakuläre kleine Gartenparty hatte ich erwartet, jetzt schaue ich in Jeans und T-Shirt den schönen Frauen aus Russland hinterher. Sie stöckeln in weißen Spitzenblusen, goldenen Gürteln und kleinen Täschchen hin und her und werden nicht müde, sich bei jeder Gelegenheit fotografieren zu lassen. Ich bin falsch angezogen.

Die Leute rufen sich Scherze zu, es wird gelacht, alle schwatzen durcheinander und einer übertönt den andern. Jetzt dringen helle Rufe aus dem Wohnzimmer. Die Frauen. Sie haben angefangen zu tanzen, ein paar haken sich ein und hüpfen miteinander im Kreis, werfen im Wechsel die Beine nach vorne, dass es aussieht wie ein griechischer Zirtaki. Sie quietschen und prusten vor Lachen, dass man mitlachen muss.

Sooft wir versuchen aufzubrechen – es wird uns verboten. Mehr Essen kommt, mehr Vodka, wir werden gebettelt zu bleiben und fürchten, eine Verabschiedung zu diesem Zeitpunkt würde einer schlimmen Beleidigung gleichkommen. Auch am späteren Abend dürfen wir noch nicht gehn. Die ganze Gesellschaft zieht nun in eine Bar. Nur Russen kommen hierher. Die Leute tanzen oder schunkeln am Tisch zu Schlagern, die wir schon lange nicht mehr hören wollen. Heute schon. Und je später es wird, desto häufiger liege ich in den Armen einzelner Frauen, obwohl ich kaum Vodka getrunken habe. Wir verstehen und lieben uns, dieser Herzlichkeit kann ich mich nicht entziehen.

Als eine der Ersten sagen wir um Mitternacht auf Wiedersehn. Manche werden wir nie wieder sehn, andere ganz sicher. Neun Stunden Geburtstagsfeier. Ein Rekord.


Advertisements

8 Gedanken zu „Na Zdorowje!

    1. Anhora Autor

      Danke für deinen Besuch, dass ein Insider aus Moskau sich meldet, ist eine tolle Überraschung! Werd mich gleich mal auf deinem Blog umsehen, Russland hat mich neugierig gemacht. 🙂

      Gefällt mir

      Antwort
    1. Anhora Autor

      Schön anstrengend wars, ja! 😉 Bei der nächsten Einladung werd ich einfach später kommen, das ist kein Problem. Aber früher gehen – geht gar nicht. Trotzdem wars ein tolles Fest, nur am Sonntag war ich platt. Bin ja nicht mehr die Jüngste. 😉

      Gefällt mir

      Antwort
  1. Karin

    Man das klingt ja alles richtig toll – so müssen die Feste gefeiert werden – und es stört keinen, was du an hattest – ich hätte es nicht anders gemacht – vielleicht ein bisschen mehr Wotka getrunken, um die schönen Schlager ertragen zu können… ich geb´euch mal einen Tip,,, „Tante Inge – oder wie man einen runden Geburtstag feiert“ . -Theater Ravensburg – da müsst ihr unbedingt mal hin… ich war in der Chor-Gruppe aktiv dabei… Ganz liebe Grüße, genieße die russischen Seminarteilnehmer – ist doch was – oder???

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s