Maßstäbe

„Der Bräutigam meiner Tochter war ältester Sohn und Enkel, ein hochgewachsener, kräftiger blonder Bursche mit polynesischem Temperament, der seine Zeit mit angenehmen Vergnügungen auf seiner Jacht, im Strandhaus, mit seiner Autosammlung und unschuldigen Festen vergeudete. Mein einziger Einwand war, dass dieser potentielle Schwiegersohn weder eine Arbeit hatte noch studierte, sein Vater ließ ihm eine großzügige Rente zkukommen und hatte ihm ein völlig eingerichtetes Haus versprochen, wenn er Paula heiratete. Eines Tages kam er zu mir, bleich und zitternd, aber mit fester Stimme, um mir zu sagen, wir sollten doch mit den Anspielungen aufhören und Klartext reden, er habe meine verfänglichen Fragen satt. Er erklärte mir, in seinen Augen sei die Arbeit nicht eine Tugend, sondern eine Notwenidgkeit, wenn man essen könnte, ohne zu arbeiten, würde nur ein Dummkopf schuften. Er verstand nicht unseren zwanghaften Drang zu Opfer und Mühen, er glaubte, selbst wenn wir „ungeheuer reich“ wären, wie Onkel Ramón immer sagte, würden wir immer noch in aller Frühe aufstehen und zwölf Stunden täglich ackern, weil das in unseren Augen das einzige Maß für Rechtschaffenheit sei.“

Die Rede ist von einem jungen Mann aus Venezuela, diese Stelle aus dem Buch „Paula“ von Isabel Allende fiel mir in den letzten Wochen immer wieder ein. Abends vor allem, so ab sieben oder acht Uhr, wenn ich immer noch vor dem Bildschirm saß und deutsche mit englischen Sätzen verglich. Freischaffende haben eben andere Arbeitszeiten, tröstete ich mich, und die langen Stunden am Schreibtisch machen mich weit weniger nervös als Tage, an denen nichts zu tun ist. Ich würd gern mal eine Zeitlang Südamerikanerin sein und mich an ruhigen Tagen einfach aufs Sofa legen und einen Mittagsschlaf halten. Als Deutsche könnt ich das nie.

5 Gedanken zu „Maßstäbe

  1. Anhora

    @runningtom: Auf einen Begriff wie Powernap kann wirklich nur ein gestresstes westliches Land kommen! 😉

    @BOWMORE Darkest: Wenn man zu Hause arbeitet, gehört zur Pausengestaltung mindestens so viel Disziplin wie für die Arbeit an sich. Man würde es nicht für möglich halten. Und auch Wochenend-Aktivitäten wollen nicht nur angesprochen, sondern auch ausgeführt werden. Aber dann ist doch das eine oder andere am Arbeitsplatz noch zu erledigen …
    Man muss es alles erst lernen!

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  2. Sofasophia

    hmm, ich glaube, ich habe etwas davon irgendwo in meinen genen 🙂 aber zu viel anderes, schweizerisch-anerzogenes, das den rest immer wieder mit schuldgefühlen im zaum hält.
    sich beschenken lassen können – nein, das ist wohl gar nicht so einfach, ausser wir lernen es von anfang an.
    der junge mann schien ja doch ein recht integerer mensch zu sein? leider habe ich das buch nicht gelesen. noch nicht.
    ich wünsche dir, dass du in deinem freischaffenden alltag die freiheit zu schaffen und zu ruhen findest. und glück dabei.
    auch arbeit kann glücklich machen. das erlebe ich oft, wenn ich an eigenen projekten arbeite. wenn wir alle unser ding machen könnten, wie glücklich die welt dann wäre!
    wir wären so glücklich, dass wir weniger zu konsumieren, zu produzieren, zu zerstören bräuchten.
    wie schön, dass ich noch immer träumen kann!
    habs gut! herzlich, d.

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    1. Anhora

      Der junge Mann ist sehr integer, nur die Mutter seiner Braut konnte mit dieser Lebensweise nicht umgehn. Ich gebe zu, es würde mir auch Probleme machen! Dabei stammt die Mutter aus Chile, also auch südamerikanisch. Aber weil sie ist, wie sie ist, wurde sie zu der erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihres Kontinents. Der Schwiegersohn in spe dagegen kommt offenbar sehr gut ohne solche Würden zurecht. Er hat ja Geld. Eine Betrachtunsweise, die für mich unvorstellbar ist.

      Und ja, Arbeit kann glücklich machen! Im Moment ist es jedenfalls so, auch wenn alles noch viel Zeit verschlingt, aber es macht mir Freude, ich kann bald davon leben und ich habe positive Rückmeldungen. Mehr will ich gar nicht!

      Und du brauchst gar nicht weiterträumen, du setzt deine Träume ja auch in der Regel in die Tat um. Wir kriegen das schon hin, gell? 😉

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  3. BOWMORE Darkest

    Das kann man üben. Sollte man sogar. Deswegen sind die Kurzurlaube über’s Wochenende so beliebt. Zwei Tage etwas anderes sehen und in der nächsten Woche kann der Arbeitstag von der späten Nacht bis zur frühen Nacht dauern.
    C.H.

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