Syrische Wahrheiten

„Eine Schande ist es, wie sie Assad diffamieren! Er hat es nicht verdient.“

Da haben wirs. Kaum fragt man jemanden, der es wissen muss, schon kriegt man komische Antworten.

Ich sitze bei einer Freundin in der Küche und habe sie nach ihrer Meinung zu Syrien gefragt. Während sie mir Kaffee einschenkt, fährt sie fort: „Assad ist ein guter Staatsmann, die Menschen lebten gut“. Sie reicht mir die Milch.

„Aber Assad ist doch ein Verbrecher?“ erinnere ich sie wie eine Pflegerin die betagten Dame auf deren Frage, wer denn der Mann neben ihr sei: ‚Das ist doch Ulrich? Ihr Sohn?‘

Ich helfe ihr auf die Sprünge: „Assad ist ein Diktator, ein Verbrecher, der auf das eigene Volk schießen lässt“.

„Er ist kein Verbrecher“, antwortet sie bestimmt. „Das sind die anderen, die ihn angreifen. Assad hat das Land nach vorne gebracht, er ist tolerant, liberal.“

Sie muss es wissen. Sie ist Syrierin. Vor fast zwanzig Jahren folgte sie dem Mann ihres Herzens, einem Deutschen, hierher. Sie begegneten sich in ihrer Heimat, und ohne ihn hätte es keinen Grund gegeben, das Land zu verlassen, betont sie.

Ich möchte anmerken, dass sich hier eine Christin ereifert. Sie gehört zu einer der Minderheiten in Syrien und man wurde in Ruhe gelassen, auch damals schon, als Assads Vater noch regierte. Sie hatte Arbeit als Lehrerin, es ging ihr gut und auch ihre Familie klagte über nichts, bis diese Schurken anfingen zu hetzen.

„Es sind die Sunniten, die alles durcheinander bringen. Sie wollen unser Land um hundert Jahre zurückwerfen!“

Das hat man tatsächlich schon gehört. Die Sache mit der Scharia, den strengen Strafen, den rechtlosen Frauen und so weiter. Und dass es vor allem um Macht geht.

Ich wusste nicht, dass Assad ein Reformer ist, ein Alevit übrigens. Es ließ mir ja keine Ruhe, deshalb schaute ich im Netz nach und in Wikipedia wird Assad in der Tat nicht als der harte Brocken beschrieben, für den ich ihn hielt.

Habe ich mir eine eigene Wahrheit gestrickt? Entstand sie aus meiner Ahnung, dass von arabischen Ländern nichts anderes zu erwarten sei als Unterdrückung und Willkür? Ich weiß nicht, wie viel die Journalisten wissen von den Ländern, über die sie berichten, wen sie befragen, wer ihnen antwortet, und was davon bis zu uns gelangt.

Auf jeden Fall gibt es mindestens eine Familie, die in Syrien unter Assad gut gelebt hat, und es ist davon auszugehen, dass es mehr davon gibt. Sie haben es nicht in die Notizblöcke der Korrespondenten geschafft, und nicht in unsere Nachrichten.

Aber an dieser Stelle sei es wenigstens gesagt!

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11 Gedanken zu „Syrische Wahrheiten

  1. Anhora

    Die Scheidungskindtheorie gefällt mir! Sie trifft den Nagel auf den Kopf, je mehr ich darüber nachdenke. Fehlen nur noch die Anwälte in diesem Szenario, die sich in alles einmischen. Das sind dann die westlichen Länder?

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  2. der Muger

    Ach – machen wir uns da keine Gedanken; auch in Syrien werde zum Schluss die rückwärtsgewanten Islamisten die Macht ergreifen! Wie in den anderen arabischer-Frühling-Länder! 😦
    liebe Grüsse vom Muger

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    1. Anhora

      Solange die Mehrheit des Landes den Rückwärtsschritt will, ist nichts dagegen zu sagen. Aber dazu braucht es eine Demokratie, und das scheinen auch Islamisten nicht als erstes Ziel zu sehen. Aber vielleicht ist das für die Menschen in arabischen Ländern tatsächlich nicht so wichtig wie für uns. Ich weiß nicht, was ihnen – politisch gesehen – wichtig ist. Das frage ich meine Freundin beim nächsten Mal!

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      1. der Muger

        Demokratie funktioniert nur zusammen mit Bildung! Und Gesundheit und etwas Wohlstand ist auch nicht falsch. Und genau hier versagen die Regieme. Sie stabilisieren zwar die Länder, vernachlässigen aber die Mehrheit die Leute.
        Wegen ihrer stabilisierenden Wirkung werden sie gerne von den Grossmächten hofiert und gestützt. Nützliche Idioten für fremde Interessen.
        Übrigends: Die Entwicklungshilfe-Organisation spielen hierbei oft eine unheilvolle Rolle. Sie übernehmen gerne die Aufgaben der Staaten und entlassen die Regime aus ihrer Verantwortung. Sie verarzten, schulen und füttern beachtliche Teile der Bevölkerung. Derweilen verprassen die Diktatoren das eingesparte Geld oder führen Machtkämpfe. Nicht so sehr in Syrien, aber da auch,
        liebe Grüsse vom Muger

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        1. Anhora Autor

          Das Hofieren von stabilisierenden Machthabern gehörte wahrscheinlich immer schon zur Poltik. Ich möchte keine Staatsfrau sein und mit Leuten wie Ghaddafi beim Dinner sitzen müssen, hätte aber auch keine Vorschläge, was besser wäre.

          Ja, solange die Menschen keine ausreichende Bildung erhalten, wird sich nicht viel ändern können. Meine Freundin aus Syrien stammt aus einer wohlhabenden Familie, sie konnte studieren und findet Assad toll. Vielleicht weil sie versteht, was er für das Land will, und dass es offenbar auch Gutes ist. Das hat mich eben so plattgemacht, weil ein moderner Regierungschef in Syrien in meinem Weltbild gar nicht vorkam.

          Das Problem mit der Entwicklungshilfe kennt man vor allem in afrikanischen Ländern, wo selbst Altkleiderspenden unterbleiben sollten, denn sie machen die heimische Textilindustrien kaputt.

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  3. Sofasophia

    hm, ich denke, dass dies einer dieser vielen sowohl-als-auch-fälle ist. und dass die jeweilige perspektive entscheidend ist. aber ich finde es gut, wenn wir uns auf eine neue sicht einlassen und von dort aus das neuentdeckte genauer betrachten.
    danke für deinen artikel. gut geschrieben und anregend für meine gedanken!
    herzlich, soso

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    1. Anhora

      Danke, liebe SoSo! Ich fand die Aussagen dieser Freundin auch anregend. In Syrien dachte ich, die Menschen sind sich einig, dass Assad Angst und Schrecken verbreitet. Offenbar hatte ich aber eine Meinung, ohne zu hinterfragen. Künftig werde ich genauer hinhören auf das, was berichtet wird.

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