Das schreiende Denkmal – I

(Berliner Nachlese)

Der Rufer

Der da begegnete mir auf der Straße des 17. Juni, als ich den Weg zur Siegessäule abschritt. Berlin. Gut gebaute Männer bauen gerade die Stände fürs Radrennen am nächsten Tag auf, da erhebt sich mittendrin diese Skulptur und schreit, dass man es fast real zu hören scheint. „Jetzt übertreiben sie’s aber mit der Berliner Schnauze“, denke ich, „braucht es dafür auch noch ein Denkmal?“ Aber es ist gar kein Berliner. Es ist ein Italiener. Die gehören freilich auch nicht zu den großen Schweigern, also was hat dieser Francesco Petrarca denn so Wichtiges, dass es bis zum Brandenburger Tor oder darüber hinaus gehört werden muss?

„Ich gehe durch die Welt und rufe …“, google ich, „… Friede, Friede, Friede“. Und: Bevor er in Bronze haltbar gemacht wurde und hier rumstand und Radau machte, in seiner ursprünglichen Form als lebendiger Mensch im 14. Jahrhundert also, da half er den Humanismus zu entdecken. Vor allem wurde er aber als Poet durch seine romantische Lyrik berühmt. Er liebte die schöne Laura, deren Ehemann aber wenig Gefallen an der Situation gezeigt haben dürfte und so blieben die Seufzer seines Herzens ungehört. Vielleicht schreit er deshalb so.

Die von Gerhard Marcks geschaffene Statue ist übrigens eine Kopie. Es gibt noch mehr davon auf der Welt, aber die rufen etwas anderes, zum Beispiel in Perth/Australien wegen der Opfer von Folterungen. Andere rufen auch gar nichts, beziehungsweise sie rufen einfach so, ohne besondere Botschaft. „Ich bin ein Rufer, und das ist gut so“, um es mal zu verberlinern, die Botschaft des Künstlers ist das Recht auf freie Rede und Meinungsäußerung. Man muss sie nicht herausbrüllen wie Francesco Petrarca, aber so oder so – man wird jedenfalls nicht verhaftet. Und das ist schon ein Denkmal wert.

Amor und ich, wir mussten manchmal klagen

Der Rufer

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