Die Seelen vom Hauptbahnhof

Der Schwabe staunt, wenn er in einer Bäckerei am Berliner Hauptbahnhof „Seelen“ entdeckt. Also das langgezogene, oberschwäbische Kleinbrot mit Salz und Kümmel drauf – wenn das der Thierse wüsste. Er würde wahrscheinlich die Hunde herhetzen, oder wenigstens die Enten vom Wannsee, damit sie das wegfressen. Weil es nicht Salzstangen sind, wie es der Berliner wahrscheinlich kennt.

Nicht dass ich eine Seele kaufen möchte, nicht hier. Aber wofür war eigentlich das Häckmäck um Wecken und Schrippen und Schwaben und überhaupt? So kleinkariert hatten wir Schwaben die Großstädter ja nicht eingeschätzt, erst recht nicht die Berliner, denn das ist nicht sexy. Also wende ich mich an die Dame hinter der Auslage: „Ich wusste nicht, dass man in Berlin inzwischen schwäbische Seelen kennt.“

„Wir sind eine bundesweite Bäckerei“, sagt sie und lächelt professionell, „bei uns gibt es regionale Spezialitäten von überall her. Sehen Sie?“ und deutet auf eine riesige Deutschlandkarte hinter sich mit Angaben, wo Brötchen wie genannt werden. Schon wieder eine Überraschung: Durch lebenslange Studien weiß ich sicher, dass es in Baden-Württemberg Wecken gibt, und diese Karte erzählt mir etwas von „Kipfle“. Kipfle? Ja liabs Herrgöttle von Biberach, was ist denn ein Kipfle? Kann man das essen?

Ich schlage vor, wir ersetzen die Kipfle durch Wecken und ergänzen mit Berlinern, einer weiteren Spezialität bei uns. Da beißt man rein und weiß nie, wo die Marmelade rausläuft. Die verkaufen wir auch mal als Krapfen, wir sind da nicht so. Vielleicht würden Touristen aus Bayern in einen Berliner nicht reinbeißen wollen. Außerdem könnte der Thierse vorbei schauen und der versteht dann wieder nix. Nur Pfannkuchen nennen wir unsere Berliner nicht, denn ein Pfannkuchen ist hier das, was in Berlin ein Eierkuchen ist. Da bleiben wir auch dabei.

Deutschland-Broetchen Karte: Bäckerei Kamps
Foto: (c) Fernauslöserin – Fotografieren und Reisen

5 Gedanken zu „Die Seelen vom Hauptbahnhof

  1. Sofasophia

    brot(ge)bab(b)el sozusagen. kipfl? da muss ich an die gipfeli denken, wie wir in der schweiz (übrigens fast landesweit!) die croissants nennen. also blätterteighörnchen.

    da kann ich nur sagen: wohlbekomms und guten appetit.

    herzlich, soso

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