Vergesst es nie.

Jüdisches Mahnmal

In keiner anderen deutschen Stadt gibt es mehr Mahnungen als hier. Denkmäler, Schautafeln, Kunst auf der Straße oder in eigens dafür geschaffenen Arealen bis hin zu Plakaten in U-Bahn- und S-Bahnstationen lassen nicht locker: „Vergesst es nie.“ Ich finde Stolpersteine vor Häusern, in denen Menschen gelebt haben, bevor sie fortgebracht, gequält und umgebracht wurden. An jeder Ecke begegnet mir diese Vergangenheit, und ich hasse sie.

Man hilft sich so gern mit der Bezeichnung „Nazis“. Als wären es dann andere Menschen, eine andere Nation. Es waren aber Deutsche. Nicht Türken, nicht Russen, nicht Nigerianer und Pakistani auch nicht. Deutsche. Meine Vorfahren. Meine Mentalität. Ich betrachte Skulpturen aus Bronze und es entstehen Bilder von fehlgesteuerten Menschen, stumpfer Gefolgschaft, Terror, Blicke aus den Augen zerstörter Menschen, jüdische, behinderte, homosexuelle, Sinti, Roma. Es tut mir so Leid. Es war so entsetzlich falsch. Doch damit ist es nicht erledigt, es müssen Taten folgen. Einwanderer möchten willkommen geheißen, Moscheen und Synagogen gebaut, ein freies Leben mit Perspektiven ermöglicht werden. Für alle. Und was finden wir? Eine immer dichter werdende Überwachung zum Beispiel. So hat die Gestapo auch begonnen. Und in Berlin? Da finden wir Sicherheitsleute vor jeder jüdischen Einrichtung:

Jüdische Synagoge

Die Neue Synagoge, vor dem Gebäude gehen zwei Sicherheitsleute auf und ab. Ich frage einen von ihnen, ob ein besonderes Ereignis ansteht. Er er sagt, das Gebäude wird immer bewacht. Rund um die Uhr. Zum Schutz vor Schmierereien, Vandalismus, Neonazis.

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Jüdisches Cafe
Ein jüdisches Cafe. Sicherheitsleute auch hier.

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Jüdisches Gymnasium

Ein jüdisches Gymnasium. Mit meterhohen Zäunen und Mauern. Was man auf dem Bild nicht sieht, sind die Überwachungskameras.

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Möchtet ihr so leben? Möchtet ihr bewaffnete Männer zum Schutz, wenn ihr in ein Cafe geht oder zur Kirche? Wenn ich so etwas sehe, möchte ich nicht mehr deutsch sein.

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9 Gedanken zu „Vergesst es nie.

  1. wordBUZZz

    Nun ja es war ja nach dem ersten Weltkrieg und Deutschland war aehr geschwächt und dann kam Herr Hitler, und da er das Deutsche Volk wieder mächtiger machen wollte und im Allgemeinen Juden schon immer nicht gern gesehen wurden, wars das dann. Ich meine er gründete die Arbeiter Partei auch für das einfache Volk und er hatte die Hitler Jugend für die Jungensprößlinge. Da liegt nahme das sich so viele ihm Angeschlosen haben. Ich persöhnlich finde was damals passiert is absolut schrecklich und darf sich nicht noch einmal wieder holen…

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    1. Anhora Autor

      Du hast Recht, es kam einiges zusammen. Ich suche immer nach Vergleichbarem. Welches andere Volk wurde gedemütigt, hatte durch Reparationen große wirtschaftliche Probleme und dann einen Staatschef, der das ausnützte? Ich möchte nicht, dass es „was Deutsches“ ist, das mit der Mentalität zu erklären ist, fürchte aber, dass es sein könnte. Jedenfalls kann es nicht genug Mahnmale geben, und in Berlin gibts eine Menge davon, viel mehr als bei uns im Süden. Andererseits würd ich viel lieber nach vorne sehen, einfach so leben, dass etwas Derartiges nicht einmal ansatzweise je wieder möglich ist. Ich hoffte immer, dass die Mehrheit so denkt. Wenn man dann Wachen vor jüdischen Einrichtungen sieht, wird einem ganz anders.

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      1. wordBUZZz

        Ich weiß, in Berlin gibt es die meisten Mahnmale aber in Hamburg auch, da gibt es so Goldene Steine in den Gehwegen, als Andenken für einen Juden der gestorben ist. Die sind jeweils immer vor den Haustüren eingelassen. Ich finde so etwas sollte man keiner Nation oder Religionsgruppe antuen und auch nicht Tieren😞

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        1. Anhora Autor

          Du meinst Stolpersteine! Es gibt sie überall in Deutschland, auch bei uns in Ravensburg. Eine kreative Art, jüdische Menschen aus der Nazizeit nicht zu vergessen. Hoffen wir einfach, dass nie wieder eine falsche Person an die Macht kommt. Mit all den Möglichkeiten der Überwachung heutzutage müsste man nämlich sofort ausreisen, sobald der erste Verdacht aufkommt, man könnte zu einer unerwünschten Gruppe gehören. Was für eine Vorstellung …

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          1. wordBUZZz

            Jaja was wäre das Leven ohne Randgruppen… Ich muss gestehen er wäre langweilig und ich mag neues😄 Ach alle möglichen neuen Völker… . Und immerhin die sich hier unterhlsten kennen das Internet und für die is es kein Neuland. Danke Stolpersteine, wusste gar nicht das es dafür ein Wort gibt😯

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  2. Sofasophia

    dass es eine minderheit war, bezweifle ich. zugegeben, viele waren mitläufer – männer wie frauen – die nicht viel nachgedacht sondern einfach gehorcht haben. (doch wie heisst es doch? wo diktatur herrscht, ist revolution pflicht!).

    wer ist schon immun gegen gehirnwäsche eines solchen ausmaßes, frage ich mich eher. meinungsmache und manipulation geschieht immer und überall, hier und jetzt, wie damals. heute anders, viel subtiler noch …

    nein, solche überwachung wie heute in berlin möchte ich auch nicht, doch gibt es auch heute noch in deutschland antisemitismus. und in der schweiz auch. rassismus ebenfalls. überall. ihm liegt der gedanke zu grunde, dass die eine nation allen anderen überlegen sei,. dieser gedanke wiederum entspringt, wenn ich mir das so überlege, einem grundgefühl von minderwertigkeit.

    folglich: wer ein gesundes selbst-bewusstsein hat, braucht keine machtdemonstrationen (wozu ich auch vandalismus zähle). und der braucht auch keine angst vor der fremdartigkeit anderer zu haben.

    (ich gestehe, dass ich in meiner zeit als flüchtlingsbetreuerin, wo ich tagtäglich hautnah mit vielen menschen aus vielen nationen arbeitete, oft ganz vieles nicht verstand, mir ganz vieles sehr fremd war. wieso machen die das so? wieso wollen sie nicht diese oder jene hilfe beanspruchen? – aber, nicht wahr: was wissen wir schon über andere und deren geschichten, ängste, traumen, erfahrungen?)

    solange wir als menschheit/gesellschaft noch immer so ein grosses hier-ich/dort-du-revier-verhalten haben, werden solche wachen wohl nötig sein? leider.

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    1. Anhora Autor

      Auch ich habe eine Zeitlang mit Flüchtlingen gearbeitet und damals einen Einblick bekommen, wie perspektivlos und minderwertig sich die meisten von ihnen fühlen. Das ist m.E. die Grundlage vieler Probleme von heute, da gebe ich dir völlig Recht. Menschen ohne Anerkennung werden immer danach suchen, das ist normal. Junge Türken ohne Job, die sich in Banden zu Stressern aufplustern, haben genau dieselben Probleme wie junge Deutsche ohne Job, die bei den Neonazis nach Selbstbewusstsein suchen, oder wie junge Moslems, die sich radikalen Gruppen anschließen, um wer zu sein und ernstgenommen zu werden. So gesehen sind auch die Wachen vor Berliner Synagogen oder jüdischen Begegnungsstätten vielleicht nur ein Ausdruck einer verwirrten und orientierungslosen Jugend, die auf diese kranke Art Aufmerksamkeit sucht. Da fragt man sich dann halt, ob wirklich die millionenschwere Renovierung dieses bescheuerten Charlottenburger Schlösschens in Berlin wichtig ist, oder nicht doch ein paar Sozialprojekte, um die Jungen von der Straße zu holen. Aber das hätte halt keinen Glamour. Darauf steht der Bürgermeister nicht. 😦

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  3. runningtom

    Es waren ja nicht alle Deutschen Nazis. Ich gehe mal davon aus, das eigentlich nur eine Minderheit es war. Ich finde es auch nicht unbedingt nötig, sich für diejenigen zu entschuldigen, die falsches getan haben. Genügt es denn nicht, selber wachsam zu sein und das richtige zu tun?
    Menschen sind verschieden und werden es immer sein, auch innerhalb der Nationen. Das gilt für die eigene wie auch für fremde Nationen.
    Es ist nicht ungefährlich, alle Einwanderer prinzipiell als gut zu betrachten, auch wenn unbestritten die grosse Mehrheit es ist.

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    1. Anhora Autor

      Die Drahtzieher waren vielleicht eine Minderheit, aber ich glaube die waren gar nicht die Ursache für das Grauen, denn normalerweise werden solche Individuen ins Gefängnis entsorgt. Das passierte aber nicht, sondern eine große Mehrheit von Gefolgsleuten machte das Ausmaß des Terrors überhaupt erst möglich. Ob das wirklich alle aus Angst vor Repressalien taten oder nach einer gigantischen Gehirnwäsche, oder ob sie es aus Überzeugung taten oder auch nur mit blindem Gehorsam ohne nachzudenken (beides gleich schlimm) – das ist eben die Frage, dich mich so beschäftigt. Ich kann daraus nur den unbedingten Willen, jeden Menschen erst einmal kennen- und verstehenlernen zu wollen in die Zukunft mitnehmen. Das war auch bei der Erziehung meiner Kinder besonders wichtig. Den Opfern des Holocaust hilft das aber leider auch nicht.

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