Abendunterhaltung

Von meinem Platz aus sehe ich auf eine Lounge, die vom Restaurant abgeteilt ist. In ihrer Mitte befindet sich ein Marmorpodest mit einer Glasschale darauf, in der liegen vier Orangen, vier Zitronen, drei quietschgrüne Limetten, eine davon sieht man nur halb. Links an der Wand steht eine weiße Plastikhortensie in silbernem Übertopf, rechts eine Palme. Dazwischen drei hellgraue Sessel. Dahinter ein Fenster mit Blick auf den Innenhof, dort sechs weitere Tische und jeweils zwei bis vier Stühlen. Mit anderen Worten: Ich langweile mich.

Neben mir sitzt der geliebte Brite, gegenüber sein Sohn und sie schreien sich an. Nicht weil sie sich streiten, sondern weil es so laut ist. Es scheint hier niemanden zu stören, wenn man Gesprächen auch am Nebentisch mühelos folgen kann (der Geräuschpegel steigt entsprechend), aber da sowieso ständig und überall mit CCTV-Kameras überwacht wird, kommt es darauf wohl auch nicht mehr an.

Ich bin also die Einzige, die den Unterhaltungen weder am eigenen noch an irgendeinem fremden Tisch folgen kann, akustisch nicht und sprachlich erst recht nicht, der Geordie-Slang in Newcastle ist für Ausländer ungefähr wie Schwäbisch für Reingeschmeckte. Elles subbr, wenn mans versteht.

Ich schaue mich um. Die Lounge ist jetzt leer, das Obst gezählt, die Möbel betrachtet, ich schiebe Olivensteine auf dem Tellerchen vor mir hin und her. Es sind vier. Der britische Sohn hat einen Stein vor sich liegen, und im Schüsselchen in der Mitte sind nur noch zwei große, grüne, saftig-fruchtige Oliven übrig. Hab ich so viele gegessen? Wie unhöflich, denke ich, andern schmecken sie genauso, wo war ich mit den Gedanken? Ich darf auf jeden Fall nicht noch einmal zugreifen, denke ich und schlucke mit schlechtem Gewissen hinunter, lege den fünften Stein auf meinen Teller.

Nun holt sich der Brite eine Olive. Er plaudert weiter, kaut, plappert, holt nach einer Weile mit spitzen Fingern den Stein aus dem Mund und – wirft ihn auf meinen Teller! Ach so. Das war ich gar nicht allein. Dann weiß auch niemand, wie viele Oliven ich gegessen habe, resümiere ich, und greife nach der letzten. Mmmmm.

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4 Gedanken zu „Abendunterhaltung

  1. Anhora

    Ich hätte vielleicht erwähnen sollen, dass das dieser Willkommenssnack vor dem Essen war! Wir sind am Ende also alle satt geworden. 😉
    Ich gehe auch davon aus, dass du in Mallorca mehr als ein paar Oliven bekommen hast! Warst du dort zum Fahrradfahren? Oder nur Strand?

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  2. Sofasophia

    oh, solche situationen kenn ich zur genüge. also jene, sprachlich nicht mehr mitzukommen. passiert mir immer, wenn ich müde bin oder eben, wenn ich die sprache zu wenig verstehe.
    wie du dies alles in worte gefasst hast, ist richtig superklasse. und dann das i-tüpfelchen mit den olivenkernen. (ähm, unter vier olliven geht bei mir gar nichts, ich würde sagen: du hast dich sehr zurückgehalten! dass die aber auch nur so wenig anbieten, tse tse tse).
    ich hoffe, es gibt noch ein paar momente in diesem urlaub, wo du richtig genüsslich auf deine kosten kommst!
    herzlich, soso

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    1. Anhora

      Herzlichen Dank für dein Verständnis, liebe SoSo, ich fühle mich gleich viel besser. Du hast völlig Recht: Für drei Leute hätten die wirklich mehr Oliven auffahren können! Einen so durcheinanderzubringen. ;-))

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