Neulich beim Griechen

Wer sich in der Gegend von München aufhält, griechisches Essen mag und einen lebendigen Rechner erleben will, dem empfehle ich im Glockenbachviertel die Taverne „Anti“. Das urige kleine Lokal ist anders als die Schicki-Micki-Restaurants, dafür sorgen schon die wackeligen Stühle. Es entspricht auch nicht ganz dem Zeitgeist, und dafür sorgt ein Kellner. Er erinnert an Demis Roussos, einem griechischen Schlagersänger aus den Siebzigerjahren mit dunklem Bart und langem Haar.

Dieser Mann hat sich vor unserem Tisch aufgebaut und jeder bestellt ein Getränk, eine Vorspeise und einen Hauptgang. Wir sind zu viert. Demis Roussos hört zu, wiederholt zum Schluss alles und eilt davon. Aufgeschrieben hat er nichts. Kurz darauf bringt er, was wir haben wollten, und zwar fehlerfrei.

Später beim Bezahlen schaut er in unsere Runde und will wissen, was jeder hatte. Wir zählen es der Reihe nach auf, er schaut uns konzentriert an und sagt gelegentlich „Ja“. Als wir alles beieinander haben, wechselt er das Standbein, schließt für einen Moment die Augen, öffnet sie wieder und sagt: „Macht 71,40 EUR“.
Zum Spaß schlagen wir dann die Menükarte auf und rechnen nach. Der Betrag stimmt.

Was noch vor vierzig oder fünfzig Jahren niemandem aufgefallen wäre, bringt nun einen ganzen Tisch zum Staunen. Wir trauen der Vorführung nicht einmal – wir prüfen nach, ob es sein kann, das Wort „Kopfrechnen“ ist weit weniger gebräuchlich als „Taschenrechner“. Vielleicht sind wir am Anfang einer evolutionären Entwicklung, bei der präzises Denken und Merkfähigkeit verkümmern. Heute sind es Additionsaufgaben, die wir nicht mehr beherrschen. Was wird es morgen sein? Und wer überlebt?

5 Gedanken zu „Neulich beim Griechen

  1. Sofasophia

    oops, ich wollte fünf sternchen, aber die maus nicht. nun kann ichs nicht mehr ändern. der artikel ist aber 5 sternchen wert. verblüffend in der tat, wenn das jemand noch kann. ich könnte es nicht. ich glaube, ich konnte mich früher viel besser auf ein ding aufs mal konzentieren als heute. daran schuld, sag ich mal, sind die viele reize, die uns ständig überfluten und um unsere aufmerksamkeit werben. werbung, genau, wir leben in einer welt der werbung.
    umso schöner solche erlebnisse, wie du sie schilderst.

    wer überlebt? gute frage. aber eine antwort habe ich keine.

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    1. Anhora Autor

      Ich sehe nie Werbung, und trotzdem kann ich mich nicht gut konzentrieren. Eine solche Denksportaufgabe könnte ich im Leben nicht lösen. Es ist wohl das generelle Zuviel an Möglichkeiten zu sehen, zu hören, zu tun. Man weiß ja nicht mehr wohin mit seinen Gedanken. Die Zukunft wird vielleicht sehr abwechslungsreich, eingeteilt in zahllose Häppchen. Wenn das mal gut geht! 😉

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