Mein lieber Schwan

An heißen Julitagen wie diesen muss ich gehn. Raus aus der Wohnung, weg von den Rasenmähern, weg von Heckenschneidern und dem Nachbarn mit dem bellenden Husten. Ich fahre mit dem Rad zu einem kleinen See in der Nähe, setze mich ins Gras und höre den Tieren zu. Es ist schon fast fünf, die Idylle noch makellos. Im Ufergebüsch singt eine Amsel, Enten ziehen über das Wasser und melden ein träges „Quack“, Grashüpfer rasseln, Käfer brummen, jetzt ist die Schwanenfamilie aus dem Weiher gestiegen. Ein paar Meter entfernt von mir rupfen die Elternvögel und ihre Jungen in der Wiese herum und lassen mit himmelwärts gerecktem Schnabel kleine Happen in den Hals rutschen. Das Männchen ist allen bekannt hier. Wenn man hinausschwimmt und der Brut zu nahe kommt, rennt der Schwanenvater flügelschlagend über das Wasser und versucht, den erschrockenen Badegast zu vertreiben.

Ich setze mich aufrecht hin, damit die Tiere mich sehen und nicht näher kommen. Vorsichtshalber strecke ich einen Arm hoch, um größer zu werden ohne aufstehen zu müssen, proforma halte ich mein Handy in den Fingern und knipse ein Bild. Doch es ist eh keiner mehr da, der mich sieht, die wenigen Besucher sind schon gegangen. Die Schwäne wackeln jetzt auf mich zu. Ich nehme den Arm rasch herunter. Aus der Nähe sieht man, dass ein Schwan durchaus die Größe eines Hundes erreicht. Ich nehme mein Buch und klappe es mehrmals laut knallend zusammen um zu sehen, was passiert. Sie sind entweder taub oder mutig, keins der Tiere reagiert, aber im Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Ich stelle fest: Es ist doch noch jemand da. Hinter mir ist ein Mann aufgeschreckt.

Angelegentlich blättere ich in den Seiten herum und benehme mich wieder, die Schwäne zum Glück auch. Sie watscheln allmählich zum Wasser zurück, ein Bein vor das andere setzend, mit den dicken Leibern weit nach rechts oder links schlingernd. Ich lege mich ins Gras zurück und lasse mich vom warmen Sommerwind streicheln. Sie haben mir nichts getan. Ich bin ein Held.

 

Schwanensee

9 Gedanken zu „Mein lieber Schwan

  1. wordBUZZz

    Schade bei mir gibt’s keine Schwäne wobei ich wurde als ich klein war von einem gebissen:( Aber ich mag sie trozdem einfach sie aind sehr beeindrucken. Und sie lieben ihr Babys:)

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    1. Anhora Autor

      Genau genommen nehmen sie es auch mit Menschen auf, um ihre Babys zu schützen, und zwar ziemlich unerschrocken! Aber so gehört sich das auch für anständige Eltern. 🙂

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  2. Sofasophia

    wieso hast du nicht einfach mit ihnen geredet? das mach ich in so fällen. sage ihnen, dass sie keine angst vor mir haben müssen. dass ich ihnen nichts tue. dass sie mir auch nicht tun sollen. hat bei mir bis jetzt immer gewirkt.
    tiere sind schliesslich auch nur menschen …

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    1. Anhora Autor

      Äh, nein, auf die Idee, mich mit Schwänen zu unterhalten, kam ich nicht. (Der Mann hinter mir hätte wahrscheinlich noch mehr über mich gestaunt.) 😉 Ich hatte einfach Schiss und hoffte, dass sie mir aus dem Weg gehn. Was sie schließlich ja auch taten!

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