Bergzeit

Gletscherwasser sieht aus, als hätte jemand Milch reingeschüttet. Ganz weiß. Wir überqueren einen Gebirgsbach am Fuß des Monte Rosa Massivs und ich würde ein Foto machen von diesem eigenartig gefärbten Wasser, aber es geht nicht. Ich kann mich nämlich nicht bewegen, mein Körper ist ganz starr, denn ich habe solche Angst. Damit habe ich gerechnet, denn wer Höhen nicht ertragen kann, sollte in keinen Sessellift steigen. Wir gehören aber zu einer Reisegruppe und die heutige Wanderung beginnt weit oben. Also schaue ich auf Baumwipfel hinunter und denke, man sollte auf Baumwipfel nicht hinunter schauen, sondern immer nur zu ihnen hinauf, und ich richte den Blick schnell wieder gerade aus. Aber es hilft nichts. Ich sterbe endlose zwanzig Minuten lang.

Danach – in etwa 2000 m Höhel – klettere ich mit den andern in einem langen Zug über einen Gletscher hinweg. Auf seiner Oberfläche liegen Felsbrocken und Geröll, so dass man keine Schlittschuhe braucht, sondern festes Schuhwerk und Wanderstöcke. Auf der anderen Seite steigen wir immer weiter nach oben. Es weht ein gewaltiger Wind, der uns manchmal fast umnimmt, aber er sorgt auch für ein Gebilde, das ich noch nie gesehen habe: Über den Gipfeln zeigen sich grandiose, sich ständig verändernde Wolkenformationen. Es sind aber keine Wolken. Es ist Schnee, der von den Böen aufgesprüht wird und sich zu immer neuen Bildern zusammensetzt. Wir stehen alle da und schauen. Gigantisch.

MonteRosa

Meine letzten Vorräte an Tapferkeit verbrauche ich während der Rückfahrt. Der Bus schraubt sich etwa eine Stunde lang Serpentinen hinunter und diesmal sitze ich auf der falschen Seite. Wenn ich aus dem Fenster sehe, geht es so tief hinunter, dass der Grund der Schluchten nicht mehr zu sehen ist. Die Straße ist schmal, ich wage keine abrupten Bewegungen mehr und lehne mich vorsichtig vom Fenster weg, als könnte eine unbedachte Bewegung den Bus aus dem Gleichgewicht bringen und wir stürzen alle in die Tiefe. Ich will nie mehr in die Berge.

Aber das sage ich jedes Mal.

Advertisements

2 Gedanken zu „Bergzeit

  1. wordBUZZz

    Ich kann dich so verstehen. Busfahrer fahren dann ja auch leider nicht besonders langsam… Und meistens gibt es zwar Absperrungen dann aber leider nur auf geraden Strecken… 😄 Aber du lebst ja noch☺😉

    Gefällt mir

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s