Spurenfinden

Unter den Sachen, die ich von meiner Mutter mitgenommen habe, finde ich auch Briefe. Ihr Vater schrieb sie vor über siebzig Jahren an seine Frau – meine Großmutter – und gelegentlich an sein Töchterchen, meine Mutter. Auch Fotos sind dabei, auf denen ein attraktiver, lebenslustiger Mann posiert, den ich sicher gern gehabt hätte. Schade, dass ich ihn nie kennengelernt habe. Der letzte Brief kam 1946 aus einer Lungenheilstätte, wenige Wochen vor seinem Tod.

Damit diese Briefe auch von meinen Geschwistern und Kindern gelesen werden können und das mürb gewordene Papier nicht darunter leidet, beschließe ich, sie zu digitalisieren. Einen nach dem andern ziehe ich aus dem Umschlag und lege die vergilbten Bögen vorsichtig in den Scanner. Was mein Großvater wohl denken würde, wenn er mich dabei sehen könnte? Er wäre vielleicht überrascht, dass die Briefe so lange überdauert haben. Dass seine Enkelin sie aber in einen sirrenden Kasten legt und die Schriftzeilen danach ohne weiteres Zutun in einem großen Bilderrahmen auf dem Schreibtisch erscheinen – das hätte er wahrscheinlich nicht einordnen können. Er wäre wohl davon ausgegangen, dass die Menschen Zaubern gelernt haben.

Mir ist, als stünde mein Großvater jetzt im Raum und schaute mir über die Schulter zu. Es fühlt sich leicht und selbstverständlich an. Ich stelle mir vor, wie ich ihm den Scanner so gut wie möglich erkläre und dass es nichts mit Hexerei zu tun hat, was ich da mache. Er steht die ganze Zeit hinter mir wie in einer dieser Science-Fiction-Komödien und schüttelt ratlos grinsend den Kopf.

So bin ich ihm – irgendwie – doch noch begegnet.

 

Ferdi5n

7 Gedanken zu „Spurenfinden

    1. Anhora Autor

      Danke, ich freu mich über deinen Kommentar. Ich versuche gerade, bei meiner Mutter andere Aspekte als Krankheit und Einschränkung ins Licht zu holen: Wer sie überhaupt war, zu wem sie gehörte. Es hilft mir, wenn ich sie jetzt so verändert sehe.

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  1. Anhora Autor

    Technikfeindlich war er ganz bestimmt nicht, er war Bauingenieur und hat Brücken gebaut. Damals ging es zwar noch ohne Computer, aber wenn man ihm einen gegeben hätte, wäre er sicher neugierig geworden!

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    1. Anhora Autor

      Es ist ein sonderbares Gefühl, solche Briefe in den Händen zu halten. Man weiß nicht recht, ob man sie lesen darf oder nicht. Aber einige Stichproben zeigten, dass die Inhalte nicht allzu persönlich sind. Ich hoffe, er hat nichts dagegen. 🙂

      Gefällt 2 Personen

      Antwort

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