Funfsig Sänt

Vor ein paar Wochen fragte mich eine Freundin, ob ich denn jede Art von Arbeit annehmen würde, wenn mein jetziger Vertrag ausgelaufen ist. „Nein“, antwortete ich. „Das Leben ist zu kurz für Dinge, die nicht zu mir passen.“

Heute stehe ich bei Penny an der Kasse und beobachte die füllige Frau im roten Kittel. Sie ist um die fünfzig und trägt das stark blondierte Haar mit rosa Kämmchen zurückgesteckt. Energisch zieht sie die Waren über den Scanner, dann ruft sie: „Neun funfsig“. Ihre Augen wandern für einen Moment nach oben, als wäre ein YinYang-Symbol auf die Rigips-Decke gemalt, dessen Anblick eine Sekundenmediation auslöst. Ihr Blick kehrt nach innen, wo sie dem Anschein nach eine geordnete Welt vorfindet, die keiner weiterführenden Gedanken bedarf. Der alte Mann vor mir legt einen Zehn-Euro-Schein hin. Sie erwacht sofort und alles ist wieder wie vorher. „Dankeschään“ singt sie routiniert, klemmt das Geld an die Kasse und schnarrt: „Chaben Sie funfsig Sänt klein?“

In diesem Augenblick beneide ich die Frau. Sie hat Arbeit. Sie ist im Einklang mit sich und dem Leben. Vielleicht darf man nicht zu wählerisch sein.

Konzentriert betrachte ich die nun an mir vorbeiziehenden Bananen, Tempos und Tiefkühlerbsen. Lass dich nicht hängen, ermahne ich mich. Kein Grund zur Panik. Für mich wird sich auch wieder ein Türchen öffnen. Wirst schon sehn.

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9 Gedanken zu „Funfsig Sänt

  1. Ulli

    Wie oft schon habe ich den Kassiererinnen zugeschaut und in ihre Gesichter, nicht alle scheinen Frieden in sich zu tragen, wie die Frau in deinem Beispiel. Doch, wir dürfen noch immer wählerisch sein, auch wenn man uns etwas anderes glauben machen will. Das Leben ist viel zu kurz … wie du schon sagtest!
    herzliche Grüsse
    Ulli

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    1. Anhora Autor

      Ich frage mich, wovon es abhängt, was zu uns passt. Diese Frau war jedenfalls zufrieden mit ihrer Tätigkeit, andere sind es selbst in anspruchsvollen Positionen nicht. Nun, ich hoffe ich werde einen Job finden, der passt. Beim derzeitigen hatte ich ja auch Glück. Danke für deine Gedanken dazu. 🙂

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  2. Ben Froehlich

    Da hast du ein gutes Beispiel herausgepickt. Ich finde es gar nicht so verkehrt, an der Kasse zu arbeiten und ich selbst scherze und quatsche gern mit der Person auf der anderen Seite des Rollbandes. Leider begegnen ihnen viele mit grimmigem Gesicht, weil es nicht schnell genug geht usw. aber eigentlich sind sie diejenigen, die uns Essen und Trinken geben. Wir sollten sie höher schätzen. 🙂

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