Geistreich

Wie oft habe ich mir gewünscht, nicht mehr hierher kommen zu müssen – in die Wohnung meiner Mutter, ins Pflegeheim. Wie oft habe ich mir gewünscht, die nicht enden wollenden Besuche würden aufhören. Sieben Jahre sind vergangen, und nun ist es so: ich muss nicht mehr kommen. Trotzdem stehe ich heute in dem Raum, in dem sie die letzten Monate ihres Lebens verbrachte. Nicht weil ich ihrer Seele nachspüren will oder sowas, sondern weil ich ihr Zimmer ausräumen muss. Es fällt mir aber nicht schwer, ich bin gern hergekommen. Sie ist noch hier. Ich besuche sie wie immer, aber diesmal geht es ihr gut. Es ist, als ob sie mir helfen wollte und nach den Pinseln greife, die ich gerade in einem Täschchen fand. Dann lacht sie über sich selbst, weil Himmelsfrauen ja gar keine Bilder malen können. So wie sie früher – als sie noch besser sprechen konnte – darüber lachte, wenn ein falsches Wort ihre Lippen verließ oder gar keins. Das ist auch nicht wichtig, niemand kann alles, und Geister sind wie alte Menschen: Sie haben ein Recht, dazusein. Sie können lieben und geliebt werden. Nur die Hülle ist weg, die beschwerliche. Ich hatte heute einen schönen Nachmittag.

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© Ursula Holly, „Tanz der Elfen“

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14 Gedanken zu „Geistreich

  1. Heike Ingenhoven

    Liebe Frau Anhora,
    ich bin unfassbar gerührt, beeindruckt und begeistert von diesen wunderschönen Worten. Das gibt wirklich Hoffnung, auch das keine Leere mehr für Sie kommen wird. Und die Liebe zu Ihrer Mutter ist so greifbar und kann Ihnen eh niemand nehmen.
    Danke für’s Daranteilhabenlassen!

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    1. Anhora Autor

      Ich danke für Ihren lieben Kommentar. Die Erinnerungen an die letzten Tage werde ich jedenfalls niemals vergessen, denn sie haben alles gut gemacht, was je einmal nicht gut war. Unfassbar, dass das geht. Es ist nichts übrig außer Liebe. 🙂

      Gefällt 3 Personen

      Antwort
    1. Anhora Autor

      Dieser Friede und diese Liebe ist für mich selbst die größte Überraschung. Der Tod eines Körpers bringt etwas anderes zum Leben, und das ist viel tiefer und leuchtender. Ob das immer so ist, weiß ich nicht. Wenn ja, braucht sich niemand zu fürchten.
      (Vom organisatorischen Kladderadatsch im Leben und Sterben einmal abgesehen).

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        1. Anhora Autor

          Naja meine Mutter war 82 Jahre alt und sehr krank. Wäre ein junger Mensch gestorben, würd ich hier wohl auch nicht von einem tiefen Frieden erzählen. Aber in diesem Fall ist etwas passiert, was ich nicht richtig beschreiben kann und auch nicht erwartet habe.

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    1. Anhora Autor

      Ich weiß nicht, ob es Zwiesprachen geben wird. Es ist eher als wäre sie verreist und sie hat mir einen großen Vorrat an Liebe dagelassen. Davon kann ich lange zehren.

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