Gretchenfrage

Nun sagt: Wie habt ihr’s mit euren Schwingungen?

Was mich immer wieder beschäftigt ist, was man in Artikeln über spirituelle Lebensführung zu Themen wie Energien, Kraftfeldern und Achtsamkeit liest. Dabei geht es häufig um positive Schwingungen: „Tu, was dein Herz zum Lachen bringt. Tu, was deine Seele leuchten lässt. Nur dann bist du in deiner Wahrheit und schöpfst dein volles Potenzial.“ Die essenzielle Frage ist deshalb: „Was muss ich tun, um heute Abend glücklich ins Bett zu sinken?“ oder „Wie kann ich fühlen, was mein Herz mir sagt?“ usw. Der spirituelle Mensch macht sich frei von Dingen, Speisen, Situationen und Menschen mit negativen Energien. Gesunder Egoismus tut gut, steht in edel aufgemachten Esoterikheftchen, im Internet oder in Achtsamkeits-Apps.

Was man selten liest: Die Konzentration auf sich selbst und auf die Schwingungen im eigenen Umfeld haben Nebenwirkungen.

Ich male mir gerade ein abgelegenes Dorf aus, in dem nur vier Menschen leben. Vor einem Haus sitzt eine einsame alte Frau auf einer Bank. Man sieht sie jeden Tag, sie ist dürr und ganz gelb im Gesicht, das Gehen fällt ihr schwer. Eine andere Frau kommt vorbei und sieht das. Sie schaudert. Sie spürt die Schwingungen der Krankheit, der Angst vor Verpflichtung und gestohlenen Zeit, deshalb eilt sie davon und benutzt diesen Weg nicht mehr.

Dann nähert sich ein Mann. Auch ihm wird beim Anblick der Frau unwohl und er gerät in einen seelischen Aufruhr. Um sich zu schützen, verlässt er das Dorf und kehrt nicht mehr zurück.

Als Letztes kommt eine andere Frau. Auch sie spürt die Angst vor der Krankheit, der Verpflichtung, der gestohlenen Zeit und ihre Energie gerät durcheinander. Da aber sonst niemand da ist, setzt sie sich zu ihr und fragt, was sie braucht. Sie hilft ihr nun regelmäßig, obwohl es ihr schwerfällt, aber sie bringt es nicht übers Herz, die alte Frau sich selbst zu überlassen.

Wer macht es richtig? Die achtsamen Esoteriker, die lieber Mandalas in den Sand zeichnen? Oder die Frau, die nun einen Menschen an der Backe hat?

Zweisamkeit2

© Ursula Holly

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20 Gedanken zu „Gretchenfrage

  1. Vetch

    Ich denke, da gibts (wie eigentlich fast immer) kein richtig oder falsch.
    Ich finde, es ist legitim, sich zu schützen, wenn wir bestimmte Schwingungen nicht ertragen können. Frage ist halt: kann ich nicht (dann hab ich was zu üben…) oder mag ich nicht?

    Und wenn ich selber die Miese-Energieschleuder bin (flapsig gesagt, auch Krankheit gehört dazu), dann liegts an mir, das zu verändern.
    Und vielleicht kann ich das nicht – was auch verständlich und legitim ist. Dann wärs gut, das zu üben. Weil, mehr können wir nun mal nicht tun. Hilfe annehmen: natürlich. Auch Hilfe einfordern. Aber nicht erwarten.

    Und wenn ich mich berufen fühle anderen zu helfen – wie die eine Frau in den kleinen Dorf – dann muss ich gucken, ob ich das wirklich kann. Wenns am Ende zwei Leuten schlecht geht, dann habe ich niemandem geholfen.

    Das ist hab ich jetzt sehr ‚hart‘ formuliert. Ich hab mit den Gedanken gespielt und geguckt, was da bei mir rauskommt. Ich habe gelernt, dass ich für meine Vibes selbst verantwortlich bin. Und ich denke, die Aufgabe ist nicht, jeden Abend glücklich ins Bett zu sinken, sondern „Wie kann ich fühlen, was mein Herz mir sagt?“. In anderen Worten – was sagt mein Inneres Selbst?
    Und das zu wahrzunehmen – puh, da üb ich dran rum.

    Was die eigenen Schwingungen angeht: ich habe oft gehört und, denk ich, auch erlebt, dass Menschen, die ihr Inneres Selbst gut wahrnehmen, eine heilsame Wirkung auf andere haben.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Vetch, ich danke dir für deine Impulse, ich hab länger darüber nachgedacht. Also – wenn eine alter, schwacher Mensch nicht mehr gehen kann, dann braucht er jemanden, der den Rollstuhl schiebt. Das lässt sich nicht ändern. In der Geschichte gibt es dafür drei Personen, und alle drei fühlen sich NICHT dazu berufen. Die Helferin übernahm diese Aufgabe trotzdem, weil sie es nicht fertig brachte, die alte Frau hängenzulassen. Ihre „Vibes“ hatten also keine Chance: Entweder sie würden gestört, weil sie nun immer einen Rollstuhl schieben muss, oder weil sie ein schlechtes Gewissen hätte, wenn sie es nicht tut.
      Du hast einen zentralen Punkt genannt: „Die Frage ist halt: kann ich nicht (dann hab ich was zu üben…) oder mag ich nicht?“
      Es kann doch nicht sein, dass ich meine guten Schwingungen auf Kosten von jemand anders erzeuge, deshalb bringen mich Artikel zum Thema „Wie mache ich es, dass es mir gut geht“ immer ein bisschen durcheinander.
      Ich bin also fürs Üben!

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  2. Zoé

    Glückwunsch 😉 Eine schwierige Geschichte.
    Na klar, die letzte Frau hat recht, die anderen sind egoistisch!
    Aber vielleicht hätte sie auch anders helfen können. Nein zu sagen heißt nicht automatisch gar nichts zu tun, sondern es einfach anders zu tun.
    Eine Bürgerversammlung, Nachbarschaftshilfe, Augen öffnen! Gute Schwingungen für die Nachbarn, die darauf achten, das es ihnen selbst gut geht.
    Ich denke ein Problem, was alle Bewohner dieses Dorfes haben ist, dass sie alleine sind und das ist auch für ihre Energie und ihre Kraftfelder nicht gut. Denn jemanden helfen macht durchaus glücklich, wenn man weiß wie einfach es sein kann und wenn man dabei nicht nur die lästige Pflicht sieht.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Zoé, die Geschichte ist natürlich stark vereinfacht, es gäbe noch viele Aspekte in einer solchen Situation. Aber du hast denselben Gedanken wie ich: Das Problem in der Geschichte ist, dass alle Dorfbewohner alleine sind. Drei Dorfbewohner hätten dem hilfsbedürftigen Menschen helfen können, jeder auf seine Art. Dann hätte sich die Last aufgeteilt und durch das Zusammenhalten wären wahrscheinlich auch positive Schwingungen entstanden. Solche Zusätze vermisse ich in den Artikeln der Esoterikblättchen. 😉

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  3. Ulli

    Liebe Anhora, ich denke gerade an das Märchen der Frau Holle, wer wurde am Ende belohnt, Goldmarie oder Pechmarie?! Ich finde immer wieder, dass in der sogenannten Esoszene nur eins gezüchtet wird und das heisst Egoismus anstelle von liebender Güte und Mitgefühl. Es geht nicht immer nur ums eigene Wohlgefühl und oftmals ist es doch auch viel befriedigender, wenn man anderen eine Freude macht, anstelle sich nur selbst zu bespielen …

    ein schöner Artikel und wieder ein wunderschönes Bild von deiner Mutter!
    geniesse das Wochenende
    herzlichst
    Ulli

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  4. Anhora Autor

    Ach Ulli, du sprichst mir SO aus der Seele! 🙂 Ich versteh diesen Trend zur Selbstbeschau einfach nicht, aber es entspricht wohl dem Zeitgeist.
    Ich wünsch dir auch ein schönes Wochenende, mit liebevollen Menschen um dich rum. 🙂

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  5. kaetheknobloch

    Meine liebe Frau Anhora, ich weiß schon, warum ich mich vor solchen Eso-blättern fern halte. Nichtsdestotrotz muß man sich Ihrem Beispiel einfach mal stellen und ja, ich würde versuchen, der kranken Frau zu helfen. Aber ich würde bei den anderen drei Bewohnern klingeln gehen und um Hilfe bitten. Weil es auf Dauer über meine Kräfte gehen könnte, fürchte ich. Natürlich bin ich egoistisch, ich werde mal ein wenig flachsprachig: Der eigenen Arsch ist mir der nächste! Doch ich gebe ab, was ich vermag, weil ja alles im Leben zurück kommt. Und ein weiterer Aspekt krawummt sich mir in die Denkapparatur. Der famose Herr Ärmel sagt immer: Wer mit dem Zeigefinger auf andere zeigt, deutet mit drei Fingern gleichzeitig auf sich. Also immer schön nach sich gucken, aber den Wachblick auf andere nicht vergessen.
    Ich grüße Sie sonntäglich reggaeentspannt, Ihre Frau Knobloch, für die Denkanschubserey dankend.

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    1. Anhora Autor

      Werte Frau Knobloch, besten Dank für Ihre Gedanken zu dieser kniffeligen Fragestellung. Ich stimme zu: Die Helferin hätte bei den andern beiden Unterstützung einfordern müssen. Ob sie sie bekommen hätte, wissen wir zwar nicht, zumal einer der beiden das Dorf ja verlassen hatte und die andere wenig Interesse zeigte. Aber vielleicht hat sie es den beiden auch zu leicht gemacht. Warum? Weil sie nicht aufbegehren wollte? Typisch Frau, aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema …

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    1. Anhora Autor

      Völlig richtig. Was man freiwillig tut, hat man nicht an der Backe. Aber so richtig freiwillig war es ja nicht in der Geschichte. Manches muss man eben tun, auch wenn man es nicht will, und wenn jeder mithilft, ist es naturgemäß leichter und verbindet die Menschen. Das gibt es in vielen Dörfern noch, aber in der modernen Zeitgeist-Gemeinschaft mit all den Erleuchteten durch Selbsterkenntnis und Individualität wohl eher weniger.

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  6. meertau

    das gefällt mir, wie Sie diese Gretchenfrage herunterbrechen. Zudem geht mir die ständige und vermeintliche Selbstoptimierung total auf die Nerven und insbesondere die selbst auferlegte Pflicht, sich immerzu wohl und glücklich fühlen zu müssen.
    Was nun die letzte Frau in der Geschichte angeht, so fiel mir ein Ergebnis der Stressforschung ein: Menschen die anderen helfen und sich um andere kümmern sind trotz Belastung erheblich gesünder und zufriedener. 🙂

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    1. Anhora Autor

      Es ist sicher ein Irrtum zu denken, das eigene Wohlbefinden sei pausenlos das Maß aller Dinge, das sehe ich auch so. Es geht nämlich immer auf Kosten von anderen, denn irgendjemand muss den Rollstuhl ja schieben, um bei der Geschichte zu bleiben. Wer am Ende zufriedener ist – Helfer oder Davongelaufene, weiß ich nicht. Wahrscheinlich trifft das nur dann zu, wenn es für den Helfer stimmig ist, sich um andere zu kümmern. Danke für deine Meinung dazu. 🙂

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  7. lesbomat

    Hallo Anhora,

    danke für den Lacher. Ja, einfältige Esoterikweisheiten nerven und sind häufig top-egoistisch motiviert. Scheußlich, die ganzen Leute, die nur noch über Yoga und Chakren labern, während in der EU die Post abgeht. Allerdings kann das Fokussieren ein Mittel sein, um sich vor energieziehenden Wesen im Umfeld zu schützen. Das kann sehr hilfreich sein. Wenn allerdings jemand Hilfe braucht, ist das wegfokussieren sicher nicht das Mittel der Wahl.

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    1. Anhora Autor

      Hallo lesbomat, danke für deinen Kommentar! Das ist ja der Konflikt: Sich um einen alten Menschen zu kümmern, kann viel Energie abziehen, und daran können die Betroffenen oft gar nichts ändern. Vielleicht kommen alte Geschichten hoch oder man hat eh schon wenig Freizeit. Der Blümchenesoteriker schützt sich davor durch Abwesenheit, vielleicht zu Recht. Aber übrig bleiben die Deppen, die nicht Nein sagen können, die machen dann den Job und verlieren ihre Energie. Irgendwas stimmt nicht mit diesem Konzept. 😦

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      1. lesbomat

        So ganz unesoterisch hat eben jeder die Aufgabe, seine Ressourcen realistisch einzuschätzen und wenn sie nicht reichen, andere ins Boot zu holen und Verantwortung zu teilen. Wir haben hier aber leider häufig entweder die Egoisten am Start oder die Altruisten, die dann mit Vorwurf im Blick allen alles abnehmen. Oh, wie golden ist der Mittelweg. Allerdings kann man dann nicht von sich behaupten, alles alleine geschafft zu haben.

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        1. Anhora Autor

          Ich fasse zusammen: Alle Beteiligte in der Geschichte hätten es besser machen können. Die Helferin hätte mehr Mithilfe fordern müssen, die andern beiden hätten mehr helfen müssen, und die alte Frau hat auch irgendwas falsch gemacht. Sonst wären nicht zwei davongelaufen und die dritte nur ungern geblieben. Danke für deine treffenden Gedanken dazu! 🙂

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