Fast wie früher

Wenn es heiß ist, muss man auf dem Friedhof Blumen gießen. Wär ja schade um die teuren Pflanzen in den Schalen, und es würde auch aussehen, als läge hier jemand ohne Bedeutung, allein und vergessen, von dürren Pflanzen bedeckt. Ich gehöre jetzt also zu denen, die sagen: „Ich komm grad vom Friedhof.“ Das kenne ich bisher nur von alten Frauen mit Übergewicht. Ich weiß nicht wieso Übergewicht, es muss Zufall sein, dass ich nur solche Frauen kenne, die vom Friedhof reden. Ich selbst bin noch nicht so alt wie diese und Übergewicht habe ich auch nicht, aber der Friedhof ist schon da. Wenigstens bis eine Steinplatte angefertigt ist, werde ich bei heißem Wetter gießen müssen.

Neben dem frischen Grab meiner Mutter entstehen immer neue Gräber. Jedes Mal, wenn ich hingehe, sieht es anders aus. Es ist noch Platz. Es sind auch immer Leute da, die ebenfalls gießen oder Gräber richten, mit der Zeit wird man sich kennen. Es ist eine neue Gemeinschaft. Die blumengießende Friedhofsgemeinschaft. Aber traurig ist es nicht, es ist, wie es ist. Auf dem Friedhof stelle ich mir meine Mutter immer so vor, wie sie früher war, als sie noch sprechen konnte und ein lebendiger Mensch war.

Am Wochenende kam die Tochter zu Besuch. Ungefähr eine halbe Stunde lang standen wir vor dem Grab ihrer Oma, lachten, weinten, redeten über alles Mögliche. Es war, als säße meine Mutter bei uns. Sie lachte, weinte und redete mit. Fast wie früher.
 

Strauss© Ursula Holly

 

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9 Gedanken zu „Fast wie früher

  1. Ulli

    schön, wie du/ihr Abschied nehmt, euch erinnert, mit ihr seid und sie mit euch- berührt mich, vielleicht auch deswegen, weil die Geschichte von mir und meiner Mutter eine gänzlich andere ist … und ich denke: SO sollte es doch sein! Wie schade-
    herzlichst
    Ulli

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  2. Anhora Autor

    Ohje. Glaub nicht, dass die Geschichte mit meiner Mutter unkompliziert war … Wir brauchten 7 Jahre, so lange kümmerte ich mich um sie nach ihrem Schlaganfall, und es kam vieles hoch, mit dem ich nur schwer umgehen konnte. Aber als sie tot war – war das wie weggeblasen, und nur noch Liebe blieb übrig. Sie muss die ganze Zeit dagewesen sein, aber man ist manchmal so verquer. Es ist jedenfalls eine der intensivsten Erfahrungen meines Lebens. Schade, dass es bei dir nicht so war. Ich würds jedem wünschen.

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    1. Anhora Autor

      Danke für die netten Worte! Abschiede – oder besser Beziehungen auf einer anderen Ebene – kann man nicht planen. Da tut’s einfach etwas, wie ein kleiner Knall, und dann wird das Herz frei. Ich weiß nicht, ob das was mit mir zu tun hat oder mit ihr. Ist auch egal. 😉

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  3. schreibschaukel

    Meine Eltern haben beide kein Grab; es gab jeweils eine Bestattung in der Natur.
    Interessanterweise ist mein Lieblingsort bzw. Kraftort eine kleine Kirche auf dem Hügel. Und da sitze ich dann auf der Friedhofsmauer und denke unter anderem auch an die beiden.

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    1. Anhora Autor

      Diese anonymen Bestattungen in einem Friedwald zum Beispiel oder auch auf einer bestimmten Fläche eines Friedhofs ist bei uns noch nicht üblich. Das dürfen meine Kinder dann mal bei mir einführen, wenn sie wollen. Mir ists wurscht.

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