Immer wieder anders

Auf dem Friedhof ist es nie langweilig. Meine Mutter hat nämlich Glück: Sie liegt am Rand eines Gräberfelds und neben ihr wartet eine Wiese auf neue Bewohner. Heute kam wieder jemand dazu. Ich weiß nicht, wer es ist, es liegen nur hingestreute Blumen im Gras. Urnengräber sind weniger konventionell als Sarggräber – manche haben eine Einfassung, andere nicht, manche haben Blumenschalen, andere Rasen, manche haben Marmorplatten, andere Herzchen – aber nur ein paar Blumen? Das seh ich zum ersten Mal. Kein Kreuz, kein Name, kein Nix.

Nicht weit davon wurde auf einem Grab die Bepflanzung entfernt und ein Hebekran steht jetzt breitbeinig darüber. In seiner Mitte baumelt eine Steinplatte, die sich ihren Einsatz wohl anders vorgestellt hat. Aber Geduld. Die Arbeiter sind nur in die Mittagspause gegangen.

Hier bleibt nichts, wie es ist, und das mag ich. Es riecht auch nicht nach Wundverbänden und überheizten Zimmern, sondern nach Bäumen und Gras, und Blüten leuchten in den schönsten Farben. An heißen Tagen sind abends so viele Menschen mit Gießkannen unterwegs, dass man eine ausufernde Grillparty mit ihnen feiern und ein bisschen über das reden könnte, was man erlebt hat. Wenn aber wenig Leute da sind, weiß man, dass es bald zum Regnen kommt. Ganz allein war ich hier noch nie. Und meine Mutter ist ja auch da.

Rudolf Bartels FriedhofsbildRudolf Bartels, „Friedhofsbild“
zu sehen im Schloss Achberg – „Aufbruch ins Freie“

 

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13 Gedanken zu „Immer wieder anders

  1. altesweibsbild

    Meine Freundin hatte auch lange „nur“ Blumen, da ein Kreuz einfach nicht gepasst hätte.
    Bis der „richtige“ Stein gefunden war, hat es auch eine Weile gedauert, von daher…..

    Zu meinen Utensilien gehört seit Anbeginn auch ein kleiner Klapphocker, es erzählt sich
    im Sitzen einfach leichter 🙂 so kann ich pflanzen, räuchern oder was auch immer und ein Päuschen machen. Sie hat auch sehr nette Nachbarn, den Erzählungen nach, hätten wir sie auch zu Lebzeiten gemocht.

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    1. Anhora Autor

      Das ist ja schön, mit dem Klapphocker zum Grab! 🙂
      Ich hätte nie gedacht, wie lebendig und heiter ein Friedhof ist, und wie viele Menschen dort unterwegs sind. Eine eigenartige Erfahrung ist das, und keineswegs eine düstere!

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      1. altesweibsbild

        🙂 tja, kannste nicht stehen – mußte eben sitzen 😉 und irgendwie ist es dabei geblieben, auch als ich wieder stehen konnte…..zu Beginn haben einige etwas geschaut, aber seit wir zu unseren Geburtstagen auch „angestoßen“ haben, irritiert die Menschen nichts mehr 😀 im Gegenteil, ich habe schon sehr interessante Gespräche geführt – auch mit Lebenden 😀 gerade wenn ich räuchere oder geweihte verzierte Kerzen aufstelle…..

        Das hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen, so viel Zeit und überhaupt auf dem Friedhof zu verbringen, never ever und nun ist es zur Normalität geworden. Düster ist es manchmal auch, wenn ich schimpfen muss übers Tagewerk oder es gibt frische Gräber von Kindern…..das macht das Herz schon schwer 😦 aber grundsätzlich feiern wir das Leben, denn ihren Tod haben wir betrauert ❤

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        1. Anhora

          Ach, das tut mir gut dich zu lesen! Ich dachte schon ich bin plemplem, weil ich gern auf den Friedhof gehe. Was mir immer gefällt, sind die Menschen drumherum. Die haben alle jemanden verloren, das verbindet und es ist unkompliziert. Die Leute sind aufgeschlossen. Ich wollte, ich hätte die Jahre davor Menschen gehabt, die Ähnliches erleben mit einem Angehörigen. Da war ich aber leider wie abgeschnitten und allein mit allem. Jedenfalls hast du Recht: Lass uns das Leben feiern. 🙂

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          1. altesweibsbild

            😀 manchmal schadet ein wenig plemplem nicht – es hilft sogar, meine Erfahrung 😀
            Der Tod kann schon einiges verändern, uns, unsere Ansichten, unsere Überlegungen…..aber vielleicht muss man dafür auch erst ein paar Phasen des Lebens durchschritten haben, den der Tod eines Menschen oder einer Sache kann ja ebenso der Beginn für etwas Neues sein. So wie in der Natur zum Winter hin vieles stirbt, nur um im kommenden Jahr wieder zu wachsen.

            Ja, es ist schmerzhaft und schwer, wenn man eine Situation so ziemlich alleine bewältigen muss. Ein Austausch kann in Krisenzeiten viel Last von der Seele nehmen. Ist aber leider in unserer Zeit sehr schwierig, da gibt es immer noch dieses „darüber spricht man aber nicht“und somit stehst du allein auf weiter Flur 😦

            Also, wenn es mal wieder was gibt in Sachen plemplem – hier bin ich 😀
            Hab‘ einen schönen Sonntag und liebe Grüße ♡★♡

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            1. Anhora Autor

              Der Tod bedeutet auf jeden Fall Veränderung, egal ob besser oder schlechter. Ich habe Glück, denn diesen umfassenden Frieden mit meiner Mutter hatte ich nicht erwartet. Gleichwohl ist es bis dahin ein Prozess, der mir mit den Jahren immer schwerer fiel. Ich wusste einfach nicht, was ich von all den Veränderungen halten sollte, die meine Mutter durchmachte. Du hast völlig Recht: vor solchen Erfahrungen drücken sich die andern, leider z.T. auch die eigene Familie. Das tat weh und tut immer noch weh.
              Für alles und alle gibt es Communities im Internet, aber ein Forum für Betreuungspersonen hab ich noch nie gesehn. Vielleicht gibts das sogar, aber auf die Idee kam ich erst nach ihrem Tod. Sowas gehört ggf. in den Pflegeheimen angeboten, es hätte mir wirklich geholfen.

              Aber naja. Ich danke dir jedenfalls herzlich für dein tröstliches Angebot, mich in Plemplem-Dingen künftig an dich wenden zu dürfen. *lach*

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  2. altesweibsbild

    😀 sehr gerne meine Liebe, manchmal ist plemplem viel „normaler“, als es auf den ersten Blick scheint 😀
    Austausch kann/könnte in vielen Situationen helfen, aber meistens kümmert es ja nicht, wenn gerade kein Bedarf besteht und das Thema Tod und Sterben oder auch das Älter werden im Allgemeinen wird, wie ich finde, recht seltsam behandelt.

    Ist vielleicht auch eine Sache des bevorzugten Glaubens, denn jedeR glaubt, selbst wenn es nur ist „das gibt es alles nicht“……….

    „Schwester Tod“ von Erni Kutter, wie ich finde, ein ganz bereicherndes Buch, keine schwere Kost, aber voller Trost, Erklärungen und Anteilnahme…..

    Ist vielleicht auch so ein Generationending, von wegen Forum und so. Ich schätze, die jungen Menschen, für
    die das www ja selbstverständlich ist, gehen da auch bereits anders mit um. Früher hätten wir ja höchstens in der Zeitung nach Selbsthilfegruppen gesucht; heute findest du so etwas virtuell im net.

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    1. Anhora Autor

      Ich habe auch den Eindruck, dass der Umgang mit dem Tod z.T. sonderbar ist. Noch sonderbarer war aber die Zeit davor, als meine Mutter immer weniger wurde. Da sind die meisten (nicht alle) einfach fortgeblieben. Nicht mehr gekommen. Auch nahe Angehörige. Vielleicht versteh ich das irgendwann mal.
      Ein Internetforum zum Austausch wäre eine große Hilfe gewesen, weil man nicht zu einem bestimmten Termin irgendwo sein muss. Ich hab wenig Zeit, für mich wäre der Online-Austausch ideal. Aber jetzt isses auch zu spät. Jedenfalls: Ich danke dir für die Zeit, die du dir mit deinen Kommentaren nimmst. Es tut mir gut. 🙂

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  3. altesweibsbild

    Das tue ich wirklich sehr gerne ❤
    Ich glaube, für viele ist es einfach schwer zu ertragen einen lieben Menschen "vergehen" zu sehen. Nicht das es uns leichter fällt, nicht falsch verstehen, vielleicht ist es für uns einfach nur zu selbstverständlich. Wir ertragen, was wir nicht glauben ertragen zu können – vielleicht auch ein verkapptes Tochterding?
    Ich unterhalte mich gern mit dir, auch wenn unser momentanes Thema doch recht schwierig ist. Aber nur so können wir den Tod akzeptieren und annehmen als das, was er ist; eine selbstverständliche Begebenheit. Früher wurde "in" der Familie gestorben, heute entspricht es eher deinem Er-leben, die Leute ziehen sich zurück. Warum? Ich weiß es nicht.

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    1. Anhora Autor

      Siehst du, das hat mir gefehlt. ❤ Mit jemandem sprechen zu können, der sich vor dem Thema nicht drückt. Die Gesellschaft blendet das Sterben aus, und deshalb ist man so unvorbereitet. Da sieht, hört, riecht, sagt, tut man plötzlich Dinge, die man nicht einordnen kann, weil man sowas noch nie erlebt hat und auch von anderen nichts darüber weiß. Aber die Menschen sterben trotzdem, und manche eben langsam. Die meisten haben eine Betreuungsperson, aber man muss sich ja fast verstecken mit diesem Thema. Wo leben wir eigentlich?
      Ach, Schwamm drüber. Es ist, wie es ist. Aber man sortiert die Menschen im engeren und weiteren Umfeld neu.

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