Kommunikationsmodell

Man sollte sich über Unwichtiges nicht ärgern, und doch geht es mir nicht aus dem Kopf: Schreit mich doch heute eine alte Frau an. Sie steht im aufgerissenen Fenster eines Mietshauses und krakeelt aus dem zweiten Stock herunter:

„Wohnen Sie hier?“
Das würde mir noch fehlen, denke ich, mit so einer im selben Haus.

„Warum wollen Sie das wissen?“
rufe ich zurück und ahne schon, worum es geht.

„Wenn Sie nicht hier wohnen, dann dürfen Sie hier nicht parken!“
kläfft sie und hält sich mit beiden Händen am Fensterrahmen fest – als stürze gleich das Haus ein, weil mein Auto davor steht.

„Mir wurde gesagt, dies seien öffentliche Parkplätze! Ich parke nur an heißen Tagen hier und nie länger als zehn Minuten“, versuche ich sie zu beruhigen, „ich bin nur auf dem Friedhof, zum Gießen.“
Der Friedhofseingang liegt direkt gegenüber.

„Das ist mir egal,“ geifert sie weiter, „was denken Sie, für wen diese Parkplätze sind? SIE dürfen hier nicht parken, und schon gar nicht an dieser Stelle!“
Ich gebe zu, die Parkposition meines Autos entspricht nicht den Markierungen, sondern dem Schatten entlang einer Hecke. Drumherum ist alles frei, ich behindere niemanden. Es ist Mittagszeit.

„In meinem Auto sind Lebensmittel, deshalb habe ich im Schatten geparkt, zehn Minuten wie gesagt!“
Die Alte schnappt nach Luft und motzt weiter.
„Außerdem sehe ich nirgends ein Schild, das diese Parkplätze als privat kennzeichnet“,
rufe ich dazwischen. Es ist heiß.

„Das ist mir egal!“
Sie ist jetzt außer Rand und Band.
„Sie dürfen hier nicht parken! Wie oft haben Sie überhaupt schon geparkt hier, he? Wie oft?“
Genug. Ich steige ins Auto und fahre davon.

Morgen werde ich nachschauen, ob ich ein Schild übersehen habe, mir ist bisher keins aufgefallen. Gegebenenfalls parke ich eben woanders und gehe ein paar Schritte. Nur: Warum hat mich diese Giftspritze nicht höflich darauf aufmerksam gemacht? Warum gibt es solche Menschen?

Nun, sie ist alt. Bald liegt sie selbst auf diesem Friedhof. Ich frage mich, ob jemand kommen wird, um ihre Blumen zu gießen. Und wo diese Person parkt.

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24 Gedanken zu „Kommunikationsmodell

  1. Hausfrau Hanna

    Hi hi,
    liebe Anhora,
    da wartet die Freizeit- und Hobbypolizistin stundenlang am Fenster, dass sich endlich etwas ereignet…
    Ich an deiner Stelle würde wieder da parkieren 😉 !
    Deinen letzten Satz finde ich einfach nur gut – eine perfekt gelungene Abrundung der Geschichte, die ich auch sehr mag 🙂

    Herzlich Hausfrau Hanna

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    1. Anhora Autor

      Danke, liebe Hausfrau Hanna, für die netten Worte. 🙂
      Allerdings trau ich mich nicht mehr richtig, dort zu parken. Nur noch, wenn sonst nirgends nichts frei ist. Ich bin wohl keine Kämpferin. 😉

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    1. Anhora Autor

      Sicher, man soll sich an Markierungen halten, wir sind ja nicht in Italien. 😉 Aber wegen 10 Minuten auf einam fast leeren Parkplatz hätte sie mich ja nicht so anschreien müssen. In ihrem nächsten Leben sollte sie Kommunikationswissenschaften studieren. 😉

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  2. kaetheknobloch

    Eigentlich ist dazu alles gesagt, aber eine Gegenmaßnahme, die mir bei eigener Kwietschvergnügtheit mitunter gelingt ist folgende:
    Bei Giftspritzattacken solcher Art tue ich gerne so, als hätte ich nicht verstanden, überlege dann, nicke erfreut und rufe dann lauthals zurück: „Danke, ich wünsche Ihnen auch einen schönen Tag!“, drehe mich um und gehe meiner Wege…
    Gelingt nicht immer, aber wenn, ist das Verdutztgesicht des Drachens wochenlanges Schmunzeln wert.
    Lächelgrüße, Ihre Frau Knobloch, sonntagsfröhlich und arbeitsam.

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    1. Anhora Autor

      *lach* Danke für diesen humorigen Ansatz! Es hat ja schon einige hier gegeben, beim nächsten Mal hab ich ein ganzes Arsenal an passenden Antworten parat. Bis jetzt hat sie sich aber nicht mehr sehen lassen. Die merkt, dass sie beim nächsten Mal nicht gewinnt. 😉

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  3. Stef

    Selbst bin ich leider auch nicht spontan so, dass ich alles cool nähme oder dass ich keine Vorurteile hegte … doch mit dem Alter versuche ich, mich zu bessern. Nach dem Motto: Man steckt nie in dem anderen drin. Man weiss nicht, was genau in diesem Menschen gerade vorgeht. Jedes Gehirn scheint anders zu ticken. Jeder von uns scheint sich in seiner eigenen Welt, in seinem eigenen „Ballon“, zu befinden oder wie es bei mir manchmal der Fall ist, in einem total „verhedderten Wollknäuel“.
    Vielleicht war es auch nur die Hitze, just an diesem einen Tag, was diese Frau zur „Hexe“ oder zum „Drachen“ verwandelt hat? Kennst du Sie?
    Wünsche dir einen schönen sonnigen Sonntag. Viele Grüße aus Schweden.
    Stef.

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    1. Anhora Autor

      Danke für diesen Impuls. Nein, ich kenne die Frau nicht und gebe ich zu, dass ich deshalb auch nicht wissen kann, ob ihr an diesem Tag einfach eine Laus über die Leber gelaufen ist. Du kannst durchaus Recht haben, vielleicht ist sie ansonsten eine nette Frau. Es ist nur so: Wenn mir etwas quer läuft – Hitze, Mutter grad gestorben, andere Dinge – dann versuch ichs halt immer bei mir zu behalten und nicht an andern auszulassen. Aber vielleicht gelingt mir das auch nicht immer. Danke für deine Meinung.

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  4. Flohnmobil

    Zu deiner herrlich erzählten Geschichte – ich bin überzeugt, mittlerweile kannst du darüber auch lachen – fällt mir gerade ein, dass wir früher mit dem Wohnmobil bevorzugt bei Friedhöfen parkiert und auch übernachtet haben. Das waren stets praktische und häufig sehr idyllisch gelegene Orte. Und immer mit Wasserhahn. 😉
    Mehr als schräge Blicke haben wir nie geerntet, allerdings war das auch in Ländern, wo wir die Giftlerei nicht verstanden hätten.

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    1. Anhora Autor

      Inzwischen seh ichs auch mit Humor, aber im Moment war ich schon erschrocken. Ich weiß immer noch nicht, ob es nun ein öffentlicher oder privater Parkplatz ist, weil kein Schild angebracht ist.
      Wohnmobile hab ich allerdings noch keine gesehen, aber die Lage wäre tatsächlich schön und ruhig! (wenn die Alte nicht gerade herumkeift) 😉

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  5. meertau

    ich nehme solche Typen immer als Training. Die Kalenderblätter, die meinen, man solle sich über Unwichtiges nicht ärgern, müssen von Kalendern selbst erdacht worden sein, denn sie funktionieren zumeist nicht.
    Allerdings habe ich zwei Dinge gelernt:
    1. mein verstorbener Freund Paul hatte die Gabe, sich vor solche Drachen hinzustellen, sich an den runden Bauch zu fassen und in herzhaftes Gelächter auszubrechen. Das Auslachen der Drachen fand ich wunderbar.
    2. meine Freundin D. aus W. setzt in solchen Fällen ein falsch süßes Lächeln auf. Dann lässt sie eine Prise Drohung in ihre Stimme gleiten, wenn sie dem Drachen ein sehr sehr langes Leben wünscht, das vor allem interessant sein möge. Ihre Stimmlage verrät, dass man „interessant“ auch mit schwierig übersetzen könnte 🙂

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    1. Anhora Autor

      Prima! 🙂 Wäre ich nicht so perplex gewesen, wäre mir vielleicht was eingefallen, aber mit einem derart hysterischen Anfall hatte ich nicht gerechnet. Schon gar nicht bei der Hitze.
      Dein Freund Paul war wohl ein Naturtalent. Ich könnte nicht auf Kommando lachen. Aber deine Freundin ist auch köstlich. Man könnte „interessant“ auch als Synonym für „langweilig“ betonen, denn solche Leute haben erleben wahrscheinlich nicht viel, sonst müssten sie nicht Parkplätze beobachten. 😉

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    1. Anhora Autor

      *lach* Das werd ich gerne tun, wenn es eine Fortsetzung gibt! Als ich über diese Hexe hier berichtet und sie zumindest in Gedanken schon mal auf den Friedhof geschickt hatte, ging es mir nämlich spontan besser. 😉

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        1. Anhora Autor

          Was haben wir für ein Glück, dass wir selbst nicht so sind! 😀
          Und dass ich zumindest keine Parkplatzwächter in der näheren Umgebung habe. Du hoffentlich auch nicht.

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    1. Anhora Autor

      Heute nach Schildern geschaut – es gibt keins. Heißt das, eine ausgewiesene Parkfläche für ca. 10 Fahrzeuge vor einem Mietshaus ist dann öffentlich? Ich weiß es nicht. Vorsichtshalber hab ich wieder dort geparkt, aber innerhalb der Markierungen. Zu heiß für einen Fußmarsch. Ansonsten keine weiteren Gefechte. 😉

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