Coast Path

Am Anfang denkt man noch über seine Füße nach, die solche Märsche nicht gewöhnt sind. Am Anfang plaudert man auch ein wenig. Am Anfang sammelt man unablässig angespülte Schätze, für die sich nur Binnenländer begeistern können: Muscheln, Vogelfedern, schöne Steine. Taschenweise schleppe ich das Zeug davon. Wir wandern seit Tagen den Coast Path entlang, einen Fußweg an der Küste Nordenglands. Wir gehen von Warkworth nach Alnmouth nach Craster nach Seahouses nach Bamburgh. Das sind täglich mehrere Stunden an der Nordsee.

Es ist nichts zu hören außer der Brandung und dem Wind, der uns um die Ohren pfeift. Vereinzelt dringen die Rufe von Seevögeln ans Ohr, die in den Wellen nach Würmern und Fischen suchen. Wenn der Weg hinter die Dünen führt, gerät man in eine andere Welt: hier steht die Luft still und kein Laut ist vernehmbar außer unseren Schritten durch das hohe Gras links und rechts des Pfads. Gelegentlich piepsen ein paar Vögelchen vor sich hin.

Wir gehen aber überwiegend am Strand entlang, wo Wind und Wellen unterschiedliche Muster in den Sand zeichnen. Manchmal liegen einzelne Algenstämme mit beerenartigen Blüten oder Früchten herum. Dann wieder ist der ganze Strand mit Algen bedeckt und es ist glitschig, wenn man drüber geht. Manchmal kommt lange nur feinster, sauberer Sand, der leicht unterspült wird und es sieht es aus, als gehe man auf Glas. Dann wieder liegen schwarze Gesteinsbrocken da in bizarren Formen, mit Flechten bewachsen oder auch nicht, und wir steigen über sie hinweg. Weite Strecken tragen wir unsere Schuhe in der Hand und gehen barfuß.

Das Meer wälzt sich über den Strand und erzählt Geschichten. Wenn man über die Lippen leckt, schmeckt es salzig. Die Strände sind kilometerlang und während der Ebbe oft mehrere hundert Meter breit. Mir wird mitunter schwindelig, weil das Auge fast nichts mehr zum Festmachen hat und das Gehirn durcheinander kommt. Am Nachmittag beginnt die Flut, und in die Nacht gehört alles wieder dem Meer.

Irgendwann hören die Gespräche auf. Irgendwann werden keine Muscheln mehr in die Taschen geschaufelt. Irgendwann hören die Gedanken auf. Dann geht man nur noch, und gibt sich hin: der Unendlichkeit des Ozeans, dem Wind, dem Geruch des Wassers. Übrig bleiben nur noch Schritte im Sand. Einer nach dem andern.

Gestern habe ich in einer E-Mail erfahren, dass das Förderprojekt, für das ich arbeite und das im September endet, nicht durch ein anderes ersetzt werden kann. Vielleicht später, vielleicht gar nicht. Ich habe also ab Oktober keine Arbeitsstelle mehr. Aber kann ich im Moment durch Grübeln etwas ändern? Ich lasse es einfach zurück, werfe es ins Meer, und gehe weiter. Alles zu seiner Zeit.

Im Moment möchte ich eigentlich auf die Knie sinken und Gott danken für die Schönheit dieser Natur, und dass ich hier sein darf.

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19 Gedanken zu „Coast Path

    1. Anhora Autor

      Ich kann es nur empfehlen. Northumbria ist vom Tourismus noch nicht erschlossen, hier kommen nur Einheimische, wenn überhaupt. Während der Woche sind die Strände selbst bei schönstem Wetter praktisch leer. Ein echter Geheimtipp.

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        1. Anhora Autor

          Irgendwie scheint meine Antwort verloren gegangen zu sein, der Internetzugang ist derzeit etwas fragil. Deshalb vorsichtshalber nochmal: Danke für Ihre wie immer hinreißenden Gedanken! 🙂

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  1. Gabriela

    Hab dich eben „wiedergefunden“ und freue mich – verzaubert durch dein Mitnehmen – darüber sehr. Danke. Ich wünsche dir, dass du mit dieser meeresgetränkten Gelassenheit der ungewissen Zukunft entgegengehen kannst. Gabriela

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    1. Anhora Autor

      Liebe Gabriela, das ist ja schön, dich wieder einmal zu lesen. Werd mich – sobald Internet wieder dauerhaft funktioniert – gerne bei dir vorbeischauen! Danke für deinen Kommentar und die guten Wünsche. 🙂

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        1. Anhora Autor

          So hatte ich es auch ganz bestimmt nicht verstanden! Mich interessiert einfach, wie es dir geht und wie es dir mit Mirjam geht inzwischen. Ich habe vor ein paar Monaten meine Mutter verloren. Das kann man nicht vergleichen, ich weiß, aber das Thema ist trotzdem dasselbe: Loslassen. Dafür möchte ich mir aber Zeit nehmen, also für den Besuch bei dir. Das ist nichts zum Überfliegen. 🙂

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