Me is boring

Seit zwei Wochen fällt mir dieser Satz immer wieder ein. Er stammt von einem meiner Kinder und heißt übersetzt (man kommt nicht ohne weiteres darauf): Mir ist langweilig. Vor Jahren schuf das Kind diesen Satz unter Nichtbeachtung aller Regeln der englischen Sprache, und doch fand er Eingang in den Familienjargon und wird noch heute verwendet. Selbst vom geliebten Briten.

Ich habe mich seit meiner Kindheit nicht mehr gelangweilt, doch seit Kurzem verfüge ich über viel Zeit. Tatsächlich überlege ich manchmal, was ich als Nächstes tun könnte. Es gibt nichts Wichtiges zu erledigen, nachmittagelang, ebensogut könnte ich auch nichts tun, was dem Sachverhalt der Langeweile nahe kommt. Aber soweit ist es noch nicht, es ist nur ungewohnt, tagsüber ein Buch zu lesen oder einfach das Fahrrad herauszuholen und zu erkunden, ob sich der Frühling schon irgendwo sehen lässt.

Wie kommt das? Ich habe eine Arbeitsstelle, aber da geh ich ja nur vormittags hin. Die Nachmittage und oft auch die Abende oder Wochenenden verbrachte ich bisher als freiberufliche Übersetzerin. Und nun hatte ich endlich den Mut, meinen größten Kunden aufzugeben. Ich stehe nicht mehr zur Verfügung, sagte ich. Übrig sind ein paar kleinere Auftraggeber und deshalb habe ich Zeit. So viel wie seit Jahren nicht und wenn, dann war es aus keinem guten Grund. Aber jetzt? Ich bin gesund, ich habe Arbeit, und ich habe Zeit.

Die Einkommenssituation verändert sich natürlich, aber ich lebe nicht allein, und Materielles bedeutet mir nicht viel. Wozu also der Aufwand? Ich geh nachmittags lieber in die Stadt. Bummeln. In die Bücherei. Vielleicht rufe ich eine Freundin an und verabrede mich, wenn sich überhaupt noch eine an mich erinnert. Nächste Woche habe ich einen Friseurtermin und es macht mich nicht nervös, denn: Ich werde Zeit haben.

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15 Gedanken zu „Me is boring

  1. kaetheknobloch

    Liebe Frau Anhora, ich freue mich so, diese Ihre Worte zu lesen. Das ist keine Langeweile, das ist Guteweile, die Sie da jetzt leben.
    Wieviele Menschen schuften wegen des Mammons und vergessen darob seinen eigentlichen Nutzen: Lebensunterhalt. Müßiggehen (Danke an die Waldfrau für diese Steilvorlage!) ist die Kür, die mehr nach Punkten zählt als die Pflicht.

    Herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch, sonntagsabendverträumt.

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    1. Anhora Autor

      Danke für deinen lieben Kommentar! Ich fühle mich schon nach zwei Wochen wie ein anderer Mensch und bin froh, dass ich mich endlich zu dieser Entscheidung durchgerungen hab. Schön, dass du dich mitfreust. 🙂

      Gefällt 2 Personen

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  2. Pingback: Poesie | fruchtigherb

  3. Stef

    Die Zeit vergeht einfach von sich selbst – man braucht ganz und gar NIX tun, außer im Sein zu verweilen …
    Immer wenn ich in Italien bin und die älteren Männer oder auch Frauen vor dem Haus sitzen oder auf der Piazza herumstehen sehe, dann denke ich oder bilde mir immer „noch“ ein, dass die schon immer so alt waren und dass es wohl schon immer die gleichen sein müssen, seit meiner Kindheit … bisher ist mir noch nie der Gedanke gekommen, dass ich selbst da mal so stehen könnte … Komisch ist sie doch die Zeit – oder?
    /Stef.

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    1. Anhora Autor

      Ich denke auch, dass das „im Sein verweilen“ von südlichen Ländern viel besser beherrscht wird. Sicher, weil die Hitze es gar nicht anders zulässt, und das Bild wurde ja auch in Italien aufgenommen.
      Als Deutsche ist mir diese Kunst immer noch ein Mysterium, wir haben es in unserer Kultur einfach nicht vorgesehen. Aber ich arbeite daran! 🙂 (diese Formulierung ist eigentlich paradox …)

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    1. Anhora Autor

      Hey, welcher Glanz in meiner Bloghütte! Ich bestaune dein Gedächtnis, ist ja schon 2-3 Tage her seit meinen Kommentaren bei dir. Jedenfalls freu ich mich über deinen Besuch hier, du bist in Sachen Schreibkunst eins meiner big front pictures! 🙂

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