Vertrauenssache

Neulich in meinem Arbeitszimmer: Ein Computerprofi versucht, meinen PC zu reparieren, und das erweist sich als aufwendiger als gedacht. Der Mann muss den Rechner für zwei Tage mitnehmen. Hektisch suche ich in den Tiefen der Verzeichnisse nach privaten Dateien, verschiebe sie auf ein externes Laufwerk und hoffe, dass ich nichts übersehen habe. Sicher bin ich mir nicht. Mit Knoten im Magen übergebe ich schließlich das Gerät und muss am nächsten Tag gar noch mein Passwort preisgeben. Beim Kopieren meiner Daten auf die neue SSD sei das extra dafür angelegte Admin-Account verschwunden, sagt der Mann.

Als ich den Computer zurückerhalte, arbeitet er wieder wie der Blitz und alle Programme funktionieren. Ich bin aus dem Häuschen und widerstehe mit Mühe dem Drang, diesem Heilbringer um den Hals zu fallen und ihn abzuküssen. Nur beim Klicken durch die Ordner fühlt es sich merkwürdig an. Als sei jemand hiergewesen. Als wäre Dateien angegrapscht worden. Es ist, als hätte hier etwas seine Unschuld verloren.

Unser Leben befindet sich bis in die kleinsten Details auf einer drehenden Scheibe. Den Rechner herzugeben ist wie einem Fremden den Wohnungsschlüssel in die Hand zu drücken, weil er nach unserer überstürzten Abreise die Blumen gießen soll. Man hofft, dass er Tabuzonen wie Passwortlisten, persönliche Aufzeichnungen und private Bilder respektiert. Aber könnte man selbst der Versuchung widerstehen?

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24 Gedanken zu „Vertrauenssache

  1. Flohnmobil

    Ein gewisses Unwohlsein hätte ich dabei auch empfunden. Andererseits, weshalb sollten gerade DEINE Dateien für den wunderfitzigen Menschen (das Wort ist übrigens auch bei uns geläufig) von Interesse sein. Der wird wohl anderweitig genügend beschäftigt sein.

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    1. Anhora Autor

      Rational nachgedacht denke ich auch, dass der Mann anderes zu tun hat als in meinen – für ihn langweiligen – Dateien rumzuwühlen, zumal er wahrscheinlich täglich Gelegenheit dazu hätte. Aber ein irrationaler Zweifel bleibt doch. Und das verändert etwas in der Wahrnehmung der Inhalte auf meinem PC. Hätte ich nicht erwartet.

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    1. Anhora Autor

      Früher hat man die Schachtel mit den Liebesbriefen ja fest verschlossen und an einen sicheren Platz gebracht, weil sie von niemandem sonst gelesen werden sollten. Aber heute weiß niemand, wer bei privaten Mitteilungen mitliest oder später irgendwie rankommt. So ist es eben. Es hat alles Vor- und Nachteile. Ohne digitale Medien würd ich eben auch nicht mehr sein wollen!

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  2. suzy

    Ich kann es mir auch nicht vorstellen. Meist sind die Computerexperten richtig ausgelastet. Wann soll er die die Zeit dazu finden? Außerdem, selbst wenn er über etwas stolpern sollte unterliegt es wahrscheinlich der Schweigepflicht 🙂
    Vor Jahren hatte unser Familiencomputer einen Trojaner und ist nicht mehr hochgefahren. Meine Hauptsorge galt meiner umfangreichen iTunes und Familienfotos-Datei. Die Vorstellung all meine Musik und die Fotos wären verschwunde war katastrophal. Er hat sie gerettet 🙂 Selbst wenn er sich welche davon angesehen hat, ich war so froh die Dateien wieder zu haben, alles andere war wurscht!

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    1. Anhora Autor

      Das ist genau der Punkt: Die Leute sind so gut (wenn du wüsstest, wie mein PC beieinander war und was für eine Freude es jetzt wieder ist), dass man als Anwender nicht ohne sie auskommt. Ich denke auch, dass die Dateien von Kunden tendenziell uninteressant sind für IT-Leute. Es sei denn man kennt sich persönlich, oder sie langweilen sich gerade. 😉

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    1. Anhora Autor

      Auch ich glaube nicht, dass es die Regel ist. Aber „mein“ IT-ler“ kann ja die Ausnahme sein. Vor vielen Jahren erzählte mir mal einer, der in der IT einer Firma arbeitete, dass sie in der Mittagspause gelegentlich auf dem Server die Mails durchschauen, die rein und rausgehen bei den Mitarbeitern. Und dass sie sich manchmal kaputtlachen, und auch Bescheid wissen, wer mit wem verbandelt ist usw. Wahrscheinlich bin ich seither etwas misstrauisch. 😉

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        1. Anhora Autor

          Ich denke halt: Wir sind alle Menschen, und manche sind „wunderfitzig“, wie man das bei uns nennt. Neugierig. In einem Unternehmen musst du auch immer unterschreiben, dass deine E-Mail-Daten eingesehen werden können. Das lässt sich nicht vermeiden, aber es sollte nicht zur Mipa-Beschäftigung in der IT-Abteilung werden. Auf jeden Fall würde ich in der Firma niemals persönliche Dinge per E-Mail austauschen. Andere sind da allerdings recht sorglos.

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  3. Zoé

    Ich könnte dem schon wiederstehen und sicher auch andere. Wann ist privater Inhalt überhaupt interessant, besonders wenn man damit arbeitet.
    Ich habe sehr viel Krams auf USB Sticks gespeichert. Manchmal sind sie nicht da, wo sie sein sollten, dann gerate ich regelmäßig in Panik bei den Gedanken, dass sie jemand finden könnte.

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    1. Anhora Autor

      Hand aufs Herz: Angenommen ein paar Kollegen haben dich am Freitagabend besucht, weil du Geburtstag hast. Als alle gegangen sind, findest du unter dem Geschenkpapierhaufen einen USB-Stick. Es ist nicht deiner. Du kannst ihn erst am Montag in die Firma zurückbringen. In deinem Leben passiert nicht viel. Das langweilige Wochenende liegt vor dir.
      Was würdest du tun?

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      1. Zoé

        Ich schmeiß ihn in meinen Rucksack, wo ich ihn vermutlich vergesse, bis er mir am Dienstag wieder in die Hände fällt. Nee, echt, ich hätte nie in das „verbotene Zimmer“ geschaut oder in anderer Leute Schubladen. Womöglich erfahre ich mit diesem Stick Dinge, die ich nicht wissen will. Da kann mein Leben noch so öde sein, das Risiko würde ich nicht eingehen. Und so ein Stick könnte außerdem einen Trojaner beherbergen, dann bin ich auf einmal die Angeschmierte. Aber wie gesagt, grundsätzlich sind verschlossene Dinge bei mir Tabu.

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        1. Anhora Autor

          Dann hoffe ich mal, dass der IT-Fuzzi genauso denkt wie du! 🙂
          Wenn ich die Möglichkeit hätte herumzuschnüffeln und alles würde zusammenpassen – ich gebe zu, ich weiß nicht ob ich in Versuchung käme oder nicht. Wahrscheinlich nicht, schon weil mich andere Leute gar nicht so im Detail interessieren. Aber ich hatte die Situation noch nicht und kann es deshalb nicht mit Sicherheit sagen.

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  4. sylviawaldfrau

    Vermutlich hatte er keine Zeit sich alles anzuschauen, er sieht bestimmt so viel, dass es langweilig wird im Privatleben seiner Kunden zu schnüffeln. Das tut aber schon die NSA und wer weiß wer sonst auch noch. Also :Grüße an alle die mitlesen !

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    1. Anhora Autor

      Da hast du auch wieder Recht. Um einen überarbeiteten IT-Fuzzi mache ich mir mehr Gedanken als über die Geheimdienste, die wahrscheinlich jede beliebige Festplatte kopieren können, wenn sie wollen. Aber die haben halt kein Gesicht. Und vielleicht … kommen sie ja doch nicht so ohne weiteres an Daten ran. Zerstör meine Illusionen nicht. 😉

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      1. sylviawaldfrau

        Ich glaube eher die können diese millionenfachen Informationen nicht alle lesen, da wird bestimmt nur nach Stichworten gesucht. Nun sind wir ja vielleicht dabei da wir ihren Namen genannt haben. Unser Leben interessiert die vermutlich zu wenig, das ist unser Glück 🙂

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        1. Anhora Autor

          Um die Geheimdienste mache ich mir auch auf andere Art Gedanken. Zum Beispiel dass ich durch bestimmte Schlüsselwörter in Mails o.ä. in bestimmte Schubladen sortiert werde und u.U. in ihren Fokus geraten könnte. Aber in meinen Daten werden sie wohl eher nicht fündig!

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  5. M.

    Vielleicht wirklich bloße Projektion. Vielleicht sind deine Ordner von Fremden so unberührt, wie sie waren. Warum nur geht man so oft (mich eingeschlossen) vom Schlechteren aus?

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    1. Anhora Autor

      Du hast völlig Recht. Der Mann macht ja nichts anderes, und so interessant sind die Daten der meisten Kunden wahrscheinlich nicht für ihn. Warum also das Misstrauen? Weil man nicht sicher ist, wie man selbst handeln würde?
      Danke für deinen Gedanken dazu! 🙂

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