Kommunikationsmodell II

Ich stehe mit dem Sohn in der Apotheke. Er wurde am Hallux operiert, wir brauchen Verbandszeug. Hinter uns wartet ein älterer Mann, der unverhohlen auf den dick eingewickelten Fuß des Sohnes starrt. Auf einmal beginnt er amüsiert zu lachen und sagt: „Hesch net auf’passt!“ Der Junge (er wird in diesem Jahr 28 Jahre alt) bringt die Krücken in eine neue Position, wendet sich zu dem Mann um und versucht, sich einen Reim auf ihn zu machen. Menschen, die beim Kontakt mit Fremden keinerlei Hemmschwelle besitzen, unterstellt man gerne eine Verhaltensauffälligkeit. Warum eigentlich? Auch ich überlege, was mit ihm los ist und warum er so grundlos strahlt. „Nächschtes Mal bischt vorsichtiger, gell, “ lautet nun sein Rat. Der Sohn kommt mit seinen Überlegungen zum Schluss und antwortet leichtin, als säße man miteinander am Stammtisch: „Wenn man’s vorher wüsst!“ Nun freut sich der Mann, und wir freuen uns auch – über die unerwartete Anteilnahme. Aus welchem Grund auch immer.
 

Zu Kommunikationsmodell I

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21 Gedanken zu „Kommunikationsmodell II

  1. Stef

    Der Mann mit der „Verhaltensauffälligkeit“ wird wohl in Zukunft „aussterben“, wenn man nicht vorher Kurse/Coaching anbietet, damit Menschen wieder lernen, spontan miteinander kommunizieren zu können. Ohne Filter in Form von Blogs, Facebook, Twitter usw., wo man im Gegensatz zu „normaler“ Spontanität ja oft jegliche Hemmungen abgelegt hat. Was die Leute in sozialen Medien so an die Öffentlichkeit tragen, hätte man sich früher wohl nie im Leben getraut, außerhalb seines sorgfältig versteckten Tagebuchs preiszugeben … 🙂
    In Schweden, wo ich lebe, waren die Leute vor 20 Jahren ohne Internet sowieso schon ziemlich „gehemmt“, was den direkten, persönlichen Umgang mit anderen anbelangt. Bevor man aus der Haustüre geht, checkt man ab, dass die Luft rein ist, so dass man sicher gehen kann, nicht irgendeinem Nachbarn spontan über den Weg zu laufen. Man könnte ja „Hej“ sagen müssen … oder noch schlimmer, der Nachbar fängt ein Gespräch an. Diese Gehemmtheit finde ich eigentlich mühsamer, als Leute, die mich spontan anreden. Ich empfinde persönliche Kontakte und Begegnungen in den meisten Fällen als Bereicherung meines Lebens, bekomme ich doch so einen klitzekleinen Einblick in das Wesen anderer – ungeplant. Ganz zufällig eben, wie das Leben.
    Herzliche Grüße ins Schwabenland!
    /Stef.

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    1. Anhora Autor

      Liebe Stef, danke vielmals für deine Meinung zu diesem Thema! Du bringst einen neuen Aspekt in die Diskussion: Die sozialen Medien. Eine distanzlosere Kommunikation findet man wahrscheinlich nirgends. Mir kommt es manchmal vor, als ob dort Urinstinkte durchbrechen, die wir als zivilisierte Menschen längst unter Kontrolle zu haben schienen. Also ist der – wissenschaftlich gesprochen – „Kontaktaufbau ohne Einverständnis des Gegenübers“ oder auch, wie man bei uns hier sagt, „Jemandem ungefragt ein Gespräch ins Knie bohren“ doch keine Verhaltensauffälligkeit oder gar Behinderung. Es ist zu vielen Menschen eigen, als dass es noch als Abweichung von der Norm durchgehen könnte. Also steckt es in uns allen, und die Anonymität des Internets (evtl. auch unterentwickelte Hirnmasse) öffnet diesem Trieb Tür und Tor.
      Trotzdem möchte ich festhalten, dass die unverbindlichen, spontanten Unterhaltungen mit wildfremden Menschen, weil es sich gerade ergibt, damit nichts zu tun haben. Sie sind auch nie distanzlos, sondern einfach nur nett.
      Wie du Schweden vor 20 Jahren beschreibst – ich glaube das war in Deutschland nicht anders. Und selbst heute noch gebe ich zu, dass ich z.B. auf einer langen Zugfahrt zurückhaltend bin, wenn jemand im Abteil das Gespräch sucht. Das wär mir u.U. zuviel Kontakt. 😉

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  2. Hausfrau Hanna

    Eine ganz herrliche Alltagskurzgeschichte,
    liebe Anhora,
    über die ich mich gefreut habe.
    Ich mag diese Art Kommunikation.
    Ob als Leserin.
    Als (stille!) Beobachterin und Zuhörerin.
    Oder als aktiv Beteiligte 😉

    Gute Besserung deinem Jungen!
    Herzlichen Gruss
    Hausfrau Hanna

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  3. waehlefreude

    Guten Morgen.

    Die Reaktion Deines Sohnes war großartig…. Und ich war bei „der Hemmschwelle“ hängengeblieben…

    „Distanzlosigkeit“… Ich habe in der Vergangenheit viel mit Menschen gearbeitet, die geistg behindert waren und deren Verhalten war oft sehr distanzlos. – Da wurde recht oft ganz unvermittelt umarmt und ungefiltert geplappert. Meine Gefühle hierzu waren mitunter recht gemischt…

    Und ich habe in verschiedenen Regionen in Deutschland gelebt und bin so mit unterschiedlichen regionalen Temperamenten konfrontiert worden.

    – Schlimm war es für mich in Osnabrück. Permanent der Satz: „Kommst Du aus Köln?“ Das ging ja noch an irgendwie; doch dieses reserviert wortkarge… „Innerseelische Frostbeulen“…Davor hatte ich da Angst. 😉

    Mit Bekannten habe ich in einem speziellen Café in der Innenstadt oft „Osnabrück“ gespielt: Wir gingen dort hinein und setzen uns zu jemandem an den Tisch; stand diese Person auf und setzte sich an einen anderen Tisch, hieß es bei uns: „Osnabrück!“ 😉

    Liebe Grüße,
    Frank

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    1. Anhora Autor

      Lieber Frank, danke für deine Meinung dazu, das ist wirklich interessant. Mit ist es auch einmal passiert, dass auf der Straße ein Mensch mit Down-Syndrom mich spontan umarmte und einen Kuss auf die Backe drückte. So schnell konnte die Mutter gar nicht hinterherhetzen. Ich fand das lustig, aber natürlich ist es nicht das, was man ständig haben wollte, es entspricht nicht unserer Norm. Diese ist in anderen Ländern aber völlig anders und was wir distanzlos finden, ist z.B. in Südamerika völlig normal, habe ich mir sagen lassen.
      Aber schon in Deutschland gibt es Unterschiede, du sprichst es selbst an. Ich kenne einige Kölner, keine Osnabrücker, aber Hunderte von Süddeutschen. Von denen kann ich sagen: Wir fallen nicht gleich jedem um den Hals. Wir möchten vor einem Kontakt gefragt werden, ob uns das auch recht ist, und das kann schon eine gesenkte Stimme sein, die man ggf. überhören dürfte. Mehr braucht es nicht. Vielleicht empfinde ich den kleinen Zwischenfall aufgrund meiner Mentalität anders als vielleicht ein/e Kölner/in.
      Spannendes Thema, je mehr ich darüber nachdenke! 🙂

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  4. wolkenbeobachterin

    Das ist interessant! Ich verstehe den Mann bestens! Aber ich verstehe nicht, wie man ihm „keinerlei Hemmschwelle im Umgang mit Fremden“ unterstellen kann oder gar eine Verhaltensauffälligkeit? Erklärt mir das bitte mal jemand? 🙂 Dann erklär ich auch gern den Mann. *lacht* 🙂

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    1. Anhora Autor

      Ich gehör schon auch zu denen, die gerne Leute anquatschen! 😉 Allerdings geht – wahrscheinlich unbewusst – schon immer eine Sekunde voraus, in der ich checke, ob der andere damit einverstanden ist, angesprochen zu werden. Aber bei manchen Leuten fehlt das eben, das fühlt sich dann anders an. Manche Menschen reagieren darauf ein bisschen irritiert. Verhaltensauffällig ist wahrscheinlich zuviel gesagt, du kannst deinen Mann beruhigen, alles gut! 😉

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      1. wolkenbeobachterin

        Guten Morgen. Nun sitze ich hier bei einem Kaffee, lese Deinen Antwortkommentar und muss erst mal lachen. 🙂 Ich verstehe, was Du meinst. Es gibt Menschen, die quatschen einfach drauflos, platzen in ein Zwiegespräch o.ä. ohne Feingefühl. Das mag ich auch nicht. Als verhaltensauffällig hätte ich auch das nicht bezeichnet, eher unsensibel. Was den Mann angeht, das ist nicht mein Mann (ich lache immer noch). Ich kann mich nur in diese Situationen und Menschen einfühlen. Ich kenne diese Situationen, in denen man ganz locker mit einem Gegenüber ins Gespräch kommt, an der Supermarktkasse, im Park bei einem Spaziergang, während man im Museum ist o.ä. Ich mag diese spontanen Gespräche und empfinde sie auch nicht als aufdringlich, weder von mir, wenn ich jemanden anspreche, noch, wenn ich angesprochen werde. Im Gegenteil. Ich empfinde dieses sogar als ein Stück Lebensqualität, wenn Menschen unbefangen und spontan ins Gespräch kommen, so wie Du hier mit dem Mann.
        Ich finde es eher irritierend, wenn Menschen total abblocken, so tun, als gäbe es niemanden als sie selbst auf der Welt. Wenn jemand umfällt, laufen sie weiter, wenn sie um Hilfe gebeten werden, tun sie, als gäbe es niemanden sonst als sie selbst oder reagieren pikiert, wenn man nach dem Salzstreuer fragt, der vor ihnen steht. Weißt Du, was ich meine? Immer den Blick geradeaus, nicht rechts nicht links, einfach schnurstracks durch die Mitte. Das ist eher, was mich irritiert.
        Liebe Grüße an Deinen Sohn und Mann *lacht* und an Dich. Einen schönen Tag wünsche ich.

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        1. Anhora Autor

          Liebe Wolkenbeobachterin, es war für mich wohl etwas zu früh zum Denken, als ich deinen Kommentar heute morgen beantwortete! 😉 Sorry, Missverständnis, aber das Thema bleibt ja dasselbe. Ich stimme dir völlig zu: Auch ich liebe spontane Gespräche an der Supermarktkasse oder eben in der Apotheke, sie sind eine Bereicherung. Man geht fast immer mit einem Lächeln im Gesicht auseinander.
          Trotzdem unterscheide ich gefühlsmäßig Ansprachen, die mir einen Rückzug erlauben, wenn ich nicht in der Stimmung wäre, von denen, die sich um das Einverständnis zu einer Unterhaltung keine Gedanken machen. Der Mann in der Apotheke gehörte zur letzteren Kategorie. Er sah einen verbundenen Fuß und hatte etwas dazu zu sagen, das tat er und fertig. Egal ob wir das wollten oder nicht, man spürt das einfach. In diesem Fall hatten wir natürlich nichts dagegen.
          Viel verhaltensauffälliger als dieser Mann sind aber sicher solche, die sich gegen Kontaktversuche von anderen völlig abzublocken. Da sind wir uns einig.
          Danke für deinen Kommentar! Den nächsten les ich sorgfäliger durch. 😉

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          1. wolkenbeobachterin

            Nicht schlimm, ist ja nichts passiert, außer dass Du mich zum Lachen gebracht hast. 🙂
            Was Du hinsichtlich der Rückzugsmöglichkeiten schreibst, kann ich nachvollziehen und verstehen. Bedrängt werden ist unschön. Ich teile Dein Empfinden.
            Eine schöne Woche Dir, liebe Grüße von Nebenan.

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