Eine Botschaft?

Als meine Mutter ihre Hände noch benutzen konnte, malte sie nicht nur Bilder, sondern sie schuf auch kleine Tonskulpturen. Ein von ihr gefertigter Engel zum Beispiel stand jahrelang in ihrem Schlafzimmer. Er gefiel mir nie und anderen wohl auch nicht, denn als sie gestorben war, wollte ihn niemand haben. Ihn wegzuwerfen, brachte ich aber auch nicht übers Herz, und so stellte ich ihn vorerst zu Hause auf. Vielleicht würde ihn eines Tages jemand mitnehmen, dachte ich, wer auch immer. Oder ich würde die Erlaubnis zum Entsorgen bekommen, von wem auch immer.

Kürzlich schlappt nun der geliebte Brite in mein Zimmer, kommt wegen irgendetwas ins Stolpern, sucht Halt, erwischt den Engel und stößt ihn vom Tischchen. Als ich von der Arbeit nach Hause komme, träufelt er gerade Porzellankleber auf die Bruchstelle und drückt den Kopf wieder auf. Der Engel wird an seinen Platz zurückgestellt.

Zwei Stunden später betrete ich das Zimmer, bewege mich ungeschickt mit dem Staubsauger, der Schlauch streift den Engel und er stürzt ein zweites Mal an diesem Tag (genauer gesagt in seinem Dasein) zu Boden. Der Kopf ist wieder ab und die Trompete auch.

Er wird ein zweites Mal repariert, aber wenn ich so darüber nachdenke:
Was meint ihr? Ist das eine Botschaft meiner Mutter, dass ich den Engel in den Müll geben kann? Gefiel er ihr auch nicht?

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12 Gedanken zu „Eine Botschaft?

  1. Pingback: Eine Botschaft? — Anhora | Beinhoff, Antoine

  2. kaetheknobloch

    Ehrlicherweise finde ich ihn ganz schön kitschig. Aber Kitsch ist ja ein dehnbarer Begriff und handgemachtes steht erhaben über dem ganzen Einheitschinakrampf, den die Menschen sich so als Stehrümchen halten. Will sagen: Ich würde ihn behalten. Gerade weil er ein nun zwomal gefallener Engel ist…

    Hier im Floratelier in meinem Schreibnischenfenster steht ein güldenes Ungetüm von einem Engel mit Wallehaar, Harfe und wehendem Gewand. Nie hätte ich den auch nur mit dem verlängerten Rückgrat angesehen, aber der Schiefnasigkohleaugenschöne schenkte ihn mir. Als Schutzengel. Ich liebe ihn und achte ihn, wie ich den Schenker einst liebte und immernoch achte.
    Sie verstehen, was ich damit sagen will, meine liebe Frau Anhora.
    Ganz herzliche Grüße, Ihre Frau Knobloch, zugetan.

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    1. Anhora Autor

      Aha, Sie sind also auch keine Engelhafte. 😉 Ich hatte auch keine rumstehen, bis eben der meiner Mutter bei uns einzog. Schön ist er nicht wie gesagt, aber die Frisur doch erträglicher als Wallehaar, und Sie haben ja Recht: Es geht nicht um das Äußere, wie meistens. Meine Mutter wollte vielleicht einfach mal wieder auf sich aufmerksam machen, in unsere Gedanken kommen. 😉
      Also ich behalt den Engel vorerst, und dann sieht man weiter. 🙂

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  3. Zoé

    Na, da hattest du doch endlich einen Grund ihn zu entsorgen und da wird er zweimal geklebt und steht immer noch da? Vielleicht ist er dir wichtiger, als du dachtest. Ich finde ihn eigentlich ganz hübsch. Besonders die Frisur. 🙂

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    1. Anhora Autor

      Die Frisur ist tatsächlich etwas eigenwillig, und der ganze Oberkörper gleich mit. Das wiederum entspricht dem Lebensstil meiner Mutter: sie tat Dinge, das haben sich andere erst viel später getraut … (ich glaube deine Mutter war nicht anders!)
      Du könntest Recht haben, vielleicht ist das Ding doch mehr als ein Stück Ton für mich. Aber wenns nochmal runterfällt, wars das. 😉

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  4. flohhusten

    Schwierig, sich hier als Fremder eine Deutung anzumaßen….
    Aber vielleicht ist sie einfach der Meinung, dass Erinnerung; Liebe und aufrichtiges, warmherziges Gedenken unabhängig sind von einem Ton-Engel, den keiner mag.
    Dass man vielleicht gute Gedanken nicht an häßliche Gegenstände binden sollte.

    Und dass sie kein „Telefon“ in Form eines Ton-Engels benötigt, um weiter in Verbindung zu sein.
    Vielleicht magst Du als „Ersatz“ etwas Schönes aufstellen, das deine Verbindung zu deiner Mutter symbolisiert. Und vielleicht auch nicht gerade auf dem WC?!
    Wer weiß… – vielleicht schreit dich ja beim nächsten Bummel durch die Läden irgendetwas ganz laut an…. 🙂

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    1. Anhora Autor

      Moooment! Also der Engel steht nicht auf dem WC, sondern in meinem Zimmer. Auf dem WC steht der Klogott, auch eine Tonfigur. Aber den kaufte ich mal in einem Trödelladen. 😉
      Herzlichen Dank jedenfalls für deine Gedanken dazu. Die Idee mit dem „Telefon“ gefällt mir. Natürlich braucht es für eine Verbindung zu meiner Mutter den Engel nicht, denn es hängen diverse Bilder von ihr an den Wänden, und auch sonst steht manches von ihrem Krimskrams herum, den ich einfach nicht wegwerfen will, obwohl ich es selbst nicht aufstellen würde. Aber mir ist sonst, als werfe ich die Erinnerung an sie weg. Das ist natürlich Quatsch. „Telefone“ brauche und will ich nicht. Ich werde nochmal in mich gehen. 🙂

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