Bruce

Ich mache mir nichts aus Rockkonzerten. Trotzdem waren wir am Freitag spontan in München bei Bruce Springsteen. Der geliebte Brite verehrt ihn, und als wir zwei Tage vorher zufällig sahen, dass er in München auftritt, waren tatsächlich noch Tickets zu haben. Gut, es waren die teuersten, aber auch die besten Plätze, alles andere war ausverkauft. Und bei solcherart hohen Ausgaben beschloss ich also, dass mir das gefällt.

Es war ein toller Tag, soviel vorab. Der Regen nahm sich ausgerechnet an diesem Tag eine Auszeit und wir verbrachten einen warmen, trockenen Abend im Olympiastadion, zusammen mit 57.000 Fans.

Meine Ohren sind für so etwas aber nicht geschaffen. Bruce Springsteen fetzte seine Musik herunter und es war so laut, dass ich überhaupt keine Lieder auseinander halten konnte. Es wurden auch keine Pausen gemacht zwischen den Songs, d.h. das eine ging über ein Gitarrensolo ins nächste über. Das klingt manchmal, als stehe man in einem Tunnel und ein schrill pfeifender Zug fährt ein. Die erste Stunde war für mich ein einziger Klangbrei.

Aber irgendwie war das auch egal. Die Abendsonne ließ den Olympiaturm im Hintergrund golden aufleuchten, ein stilles Bild inmitten des Lärms. Ich betrachtete die Stadionkonstruktion mit den mächtigen Stahlverstrebungen und fast schwebenden Dachmembranen, das grandiose Werk des Architekten Frei Otto. In zwei hohen, gerüstartigen Towern saßen angeseilte Männer und boten ein eigenartiges Bild. Gelegentlich flogen Hubschrauber vorbei oder Vögel.

Erst nach einer guten Stunde kam zwischendurch mal  eine Ballade. Später las ich, dass das vor allem wegen des Drummers geschieht. Er muss dann seine Hände schonen, denn es gibt da ein medizinisches Problem, sind ja alles alte Männer (Springsteen ist 66). Ich war dankbar für diesen Schlagzeuger, der übrigens phänomenal spielte und aussah wie ein Postbeamter, der am Schalter Briefmarken verkauft.

Die Menge tobte von Anfang an, und die Begeisterung riss schließlich auch mich mit. Bruce Springsteen ging immer wieder ins Publikum. Und er holte Menschen auf die Bühne. Ein paar durften mit ihm singen, mit ihm tanzen, hey, mir ging das Herz auf! Der Mann stand einfach da und spielte seine Songs, als habe das ganze Spektakel nichts mit ihm zu tun, sondern mit uns allen gemeinsam.

Die Musik klingt oft simpel, aber die Texte sind es nicht, wie ich inzwischen weiß. Sie handeln vom Kummer der ganz normalen Leute, der Arbeiter und Unterdrückten. Springsteen ist politisch und sozial engagiert, einer von uns, und dieser Hexenkessel vergöttert ihn. Kinder wurden auf den Schultern getragen, grauhaarige Männer und ältere Frauen tanzten sich in Ekstase. Die würde man sich als Großmutter oder Großvater wünschen.

Als endlich „Born in the USA“ und „Hungry Hearts“ losdröhnte, war nach einem über dreistündigen Konzert ohne jede Pause das Ende nahe nund eine neue Fänin geboren!

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17 Gedanken zu „Bruce

  1. Mallybeau Mauswohn

    Liebe Anhora!
    Born im Ländle… ha da hosch ja n subber Bericht gschrieba. I her n Brus au gern. Abr i glaub drei Schdond hätt i et durchghalta! Schee, dass de au no d Architeggdur aguggt hosch, des lohnt sich älllaweil. Jezz han i richtig Bogg kriegt n Brus zom hera. Des mach i doch glatt. 🙂
    Grüßle vo dr Sauweddralb
    Mallybeau M.

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  2. Hausfrau Hanna

    WOW,
    liebe Anhora,
    B r u c e S p r i n g s t e e n!
    Wie du das Konzert beschrieben hast – ehrlich – ich war mitten dabei im Publikum.
    Mit Oropax selbstverständlich.
    Und mittanzend.
    Mein Lieblingssong ist ‚Dancing in the dark‘ 🙂 🙂 🙂

    Herzlichswingenden Gruss zum Sommeranfang
    Hausfrau Hanna

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    1. Anhora Autor

      Danke für deinen netten Kommentar und schön, dass dich der Bericht angesprochen hat! In dem Fall bist du sehr viel günstiger in dieses Konzert gekommen als wir. 😉
      Oropax werde ich beim nächsten Mal im Handtäschle haben, das ist sicher. 🙂

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  3. sylviawaldfrau

    Ich hätte mir nie vorgestellt dich dort anzutreffen 🙂 Toll, dass ihr das erlebt habt. Livekonzerte haben schon einen besonderen Reiz. Inzwischen erginge es mir ähnlich wie dir aber bestimmt hätte es mich dann doch auch mitgerissen.

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    1. Anhora Autor

      Hast du eine Ahnung, was für eine Rockerbraut ich bin! Ich war sogar schon bei den Rolling Stones (auch in München) und Queen! Ist allerdings 30 Jahre her und schon damals war es nicht meine Idee, sondern ich wurde einfach mitgenommen. Wie diesmal auch. Möcht ich im Nachhinein aber nicht missen! 🙂

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  4. sori1982

    „Ich war dankbar für diesen Schlagzeuger, der übrigens phänomenal spielte und aussah wie ein Postbeamter, der am Schalter Briefmarken verkauft.“ – Ich habe vor Lachen gebrüllt. Treffender kann man Max Weinbergs Äußeres nicht beschreiben 🙂

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